Am Eröffnungstag war ich in der Berliner Ausstellung der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Der Ausstellungsort im Tiergartenviertel ist großartig, denn er spiegelt gewissermaßen die Epoche und den internationalen modernistischen Geist der 50er und 60er Jahre. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man auch mal (mal wieder) mit offenen Augen durch das Hansa-Viertel gehen, das im Allgemeinen eher übersehen wird und als etwas verschlafen gilt. Immerhin steht in nächster Nähe zur Akademie auch ein Haus nach dem Entwurf von Oscar Niemeyer.

Zurück zur Ausstellung: Sie ist wunderschön, im wahrsten Sinne des Wortes. Viele Kostbarkeiten aus Museen und Privatsammlungen, die mit Sicherheit schwer zu beschaffen waren, sind zu bewundern und das “Poetische” im umfassenden Sinne des Neoconcretismo, der den rationaleren Concretismo abgelöst hat, vermittelt sich in vielen Objekten, von denen ich zumindest viele noch nicht kannte.

Dennoch stellt sich mir nun die Frage, ob sich möglicherweise die Ausstellung sogar zu harmonisch dem Auge darbietet? (Der Katalog mit seinen Hintergrundberichten ist also vermutlich wirklich wichtig). Denn die Ausstellungsebene birgt nach meinem Eindruck ein Paradox: Wir sehen die Objekte einer Bewegung, die eine universelle Sprache suchte – eben die Sprache DER MODERNE mit Standort Brasilien, ohne dass dabei aber eine “andere”, spezifisch brasilianische Moderne lanciert werden sollte. Die Künstler sahen sich ja als Teil, und zwar als avancierten Teil, der internationalen Moderne und Kunst-Moderne. Man lese z.B. das Neokonkretistische Manifest, in dem das Wort “Brasilien” gar nicht fällt!

Doch stellt die Ausstellung, nolens volens oder auch notwendigerweise?, die Bewegung des Neoconcretismo in den Kontext des Nationalen (wir sehen mit Staunen und Bewunderung diese in sich ruhende multidisziplinäre, brasilianische Bewegung!). Mir kommt in diesem Zusammenhang Fredric Jamesons These von der Allegorisierung des Nationalen in den Sinn. Diese behauptet, dass es bei der Produktion kultureller Güter “in den Ländern der Dritten Welt” letztlich doch vor allem und insbesondere um die (nationale) Identität geht. Mir scheint, dass die Publikumswahrnehmung ein wenig in diese Richtung gelenkt wird, d.h. die Ausstellung wird in diesem Sinne eher als etwas “Brasilianisches” wahrgenommen und weniger als “Projekt der universellen Moderne, mit Standort Brasilien”? …. Meinungen hierzu würden mich interessieren.

Susanne Klengel

Ordnung im Dienste des Chaos

September 4, 2010

Introducing art work of, from or about the idea of the city of Brasilia is not easily seperable of an already mentioned fingerprint of architecture.

Lucios and Oscars ideas and concepts of an urban utopia are spread all over Brasilia`s  plano piloto like hyperdimensional fingerprints. Behind these traces concepts of brazilian modernity, as we can see them these days in art exhibition O desejo da forma in Berlin (close to an area as well designed by Oscar) ideas about people and spaces and other messages are hidden. Regarding this image of fingerprints we are pleased to introduce another young artist`s adorable work. The approach to Brasilia is maybe more concrete than it seems to at first glance

Te fingerprint alphabet of Cristian Forte is refering to those apparently organized ideas of the relation between people and the spaces that surround them – a more than obvious vision we can find in Brasilia`s architecture. Looked at more closely, though, we are able to discover an unimaginable chaos behind order and plans, aspects that can be found in Cristians work.

I got to know Cristian when he was playing a concert in Berlin and we started talking about his work and the possible linkages between Berlin, Brasilia and this blog Project. His fingerprint alphabet impressed me more than anything and didn`t give me peace of mind for a long time.

For me his work tries to discover and make tangible the relation between order and chaos, where our fingerprints, marking our environment, and the urban spaces around marking us, can be seen as linkages and combination spots, a disruptive game that rearranges these relations. Our concrete environment becomes legible, associative spaces tangible.

Have a look!

Es gestaltet sich mitunter schwierig Kunst über, aus und von Brasilia aus wahrzunehmen und zu verstehen ohne den bereits erwaehnten architektonischen Fingerabdruck übergestülpt zu bekommen. Lucios und Oscars Ideen und Konzepte einer Stadt als Utopie verteilen sich über den plano piloto Brasìlias; treffen in Berlin dort ein, wo momentan Neoconcrete Kunst zu sehen ist, wie überdimensionale Fingerabdrücke hinter denen Ideen, Konzepte und vor allem Botschaften versteckt sind. Eine herausragende Arbeit wollen wir Ihnen diesbezüglich heute vorstellen. Der Bezug zu Brasilia ist eher indirekt, assoziativ, vielleicht jedoch sogar ganz konkret!

Das Fingerabdruckalphabet von Cristian Forte, den wir Ihnen heute vorstellen, nimmt konkret Bezug zu dieser scheinbar geordneten Vorstellung von Mensch und Raum – eine Vorstellung die auch in Brasìlia spuerbar wird. Hinter dieser Ordnung kann sich bei genauerem Hinsehen ein Chaos unschaetzbarer Reichhaltigkeit verbergen, wie Cristians  Arbeit versucht zu beschreiben.

Ich lernte Cristian auf einem seiner Konzerte in Berlin kennen. Wir tauschten uns über  unsere Arbeit und die moeglichen Verknüpfungspunkte zwischen Berlin, Brasilia und diesem Blogprojekt aus. Besonders eindrucksvoll erschien mir das Alphabet, das Cristian entworfen hat. In seiner Arbeit verbirgt sich für mich die spannende Idee Fingerabdrücke, die wir um uns herum hinterlassen und urbane Raeume, die in uns Spuren hinterlassen, als Spiel- und Kombinationspunkte zu sehen, in denen Ordnung und Chaos, das Verhaeltnis von Mensch und Umwelt zu wandern beginnen. Konkrete Umwelt wird lesbar, assoziativer Raum begreifbar.

Aber sehen Sie selbst!

El orden al servicio del caos

El Alfabeto de Impresión Dactilar se ha sistematizado del siguiente modo :

A cada una de las huellas  dactilares de las manos se le ha asignado una serie de vocales, consonantes y signos de puntuación, exclamación e interrogación. Las vocales y consonantes utilizadas son las del alfabeto en español. A cada uno de los dedo de las manos le fueron asignadas 3 posiciones, entre la mano derecha e izquierda suman en total 30 posiciones.

En el caso de la mano derecha a los dedos meñique, anular, mayor e índice les corresponden las posiciones :

Vertical arriba

Diagonal izquierda arriba

Horizontal izquierda

Mientras que al pulgar derecho le corresponden las posiciones :

Horizontal izquierda

Diagonal izquierda abajo

Vertical abajo

En el caso de la mano izquierda al dedo meñique, anular, mayor e índice les corresponden las posiciones :

Vertical arriba

Diagonal derecha arriba

Horizontal derecha

Mientras que al pulgar izquierdo le corresponden las posiciones :

Horizontal derecha

Diagonal derecha abajo

Vertical abajo

El alfabeto de impresiones dactilares nos permitirá escribir poemas, ensayos o cartas de amor con un estilo muy personal.

También podríamos descubrir miles de mensajes ocultos sobre cualquier objeto sensible a nuestras caóticas  huellas.

¿A observado que augura su taza de café esta mañana?

¿Qué nos anuncia el cristal de la ventanilla en el vagón del subte?  O… ¿Qué nos dicen las huellas de quienes han tocado un piano desafinado, un revolver, el espejo de un baño público, o la fría vidriera de un centro comercial?

Order at the chaos` service

The finger print alphabet has been arranged as followed :

To each fingerprint of both hands there has been assinged a series of voals, consonants and punctuation marks, exclamation and question marks. The voals and consonantes derive from the spanish alphabet. Every finger of each hand appears in 3 different positions, in order to produce a system of 30 different positions, 15 for each hand.

For the right hand the following positions are assigned to each finger except the thumb :

Upright

Diagonal up left

Horizontal left

Whereas to the right hand`s thumb the following positions are related :

Horizontal left

Diagonal down left

Vertical down

To the left hand the following positions are assigned to each finger except the thumb:

Vertical upright

Diagonal up right

Horizontal right

Whereas to the left hand`s thumb the following positions are related :

Horizontal right

Diagonal down right

Vertical down

The finger print alphabet allows us to create poems and essays, write love letters with a special personal touch.

It s possible as well to discover thousands of hidden messages on any tangible object around us, due to our chaotic finger prints.

Have you checked this morning what your coffee cup predicts for today ?

What does the subway’s window glasses tell us ? Or… What does the fingerprints of those who played a piano out-of-tune, touched a revolver, a mirror of a public bathroom or the cold stained glass window of the shopping mall tell us ?

Eröffnung

September 1, 2010

Morgen Donnerstag dem 2.September um 19 Uhr eröffnet die Ausstellung. Der Eintritt ist frei.

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio

Eröffnung mit Bernd Neumann, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, und Everton Vieira Vargas, Botschafter von Brasilien. Es wird eine Einführung in die Ausstellung (dt./engl.) von Robert Kudielka und Luiz Camillo Osorio geboten. Wir freuen uns. Am Sonntag dem 5.September ist der Eintritt ebenfalls kostenlos und um 11 Uhr findet eine Führung statt.

MetaBrasília

August 30, 2010

The preparations for the exhibition are progressing and we are looking forward to sharing more about it in the upcoming days. Until now Brasília hasn’t been a big topic of this blog. Now the time has come. Although without the presumed fingerprint of architecture. Sorry Oscar, your work isn’t on our list today, neither the work of the participating artists of the exhibition at the AdK. We are presenting a young brazilian photographer:

Leonardo Wen, born in Brasília and photojournalist, dedicated one of his projects to Brazil’s capital, its inhabitants and some forgotten corners. Metabrasília. Let us call it a free interpretation of urban space that Leo shares with all the other 2,6 Mio inhabitants. Leo’s black-and-white photography reveals abandoned and ruinous buildings, the polluted Lago do Paranoá and the city, that was inaugurated in 1960, at night as we find it today. At least I get a sincere impression of the city whose only corner I know is its airport.

To my mind the trees and the weed breaking through the asphalt seem stronger and more tenacious than the people. As Leo puts it Brasilia isn’t only a representation of modernity as it was aspired during the time of its construction, but also a symbol of social segregation and inequality. In this sense the mega project of the 1960s, especially celebrated for the work of Oscar Niemeyer and Lucio Costa, has definitely something to do with Leo’s photography and we ask ourselves about the aims of this utopic place. Shouldn’t a (planed) city, besides its nice curves, in the first place attend its inhabitants’ needs and desires?

Leonardo is starting another project about Brasília this year. He will undertake a journey to the first modernist residential houses of Brasília to see how the residents occupy their apartments.

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Da die Aufbauarbeiten der Ausstellung voranschreiten, werden wir in den kommenden Tagen mehr darüber berichten können. Bisher ist wenig zu Brasília festgehalten, aber heut ist es soweit. Jedoch ohne den uns vorschwebenden architektonischen Fingerabdruck! Tschuldigung Oscar, aber heute widmen wir uns nicht deinem Werk und auch nicht den anderen Teilnehmern der Ausstellung in der Akademie. Es geht um einen jungen Fotografen, dessen Weg ich kreuzte als er 2008 eine Fotostrecke über Berlin aufnahm.

Leonardo Wen, in Brasília geborener Fotojournalist, widmete ein weiteres Projekt der brasilianischen Hauptstadt, ihren Bewohnern und vergessenen Winkeln. MetaBrasília Nennen wir es eine freie Interpretation des urbanen Raumes in dem sich Leo genauso wie die anderen 2,6 Mio Einwohner bewegt. In der im Jahr 1960 eingeweihten Hauptstadt zeigt uns Leo mit seiner schwarz/weiß Fotografie leerstehende und zerfallende Gebäude, den verschmutzten Lago do Paranoá und vor allem die Nachtstunden in der Metropole. Zumindest gelange ich zu einem besseren Bild der Stadt, deren Flughafen ich bisher nur für eine kurze Zwischenlandung ansteuerte.

Auf mich wirken die Pflanzen, die durch den Asphalt brechen, stärker und zielstrebiger als die Bevölkerung der Stadt. Leo stellt Brasília nicht nur als Symbol der modernistischen Pläne während der Entstehung dar, sondern ebenso als Symbol der sozialen Abgrenzung und Ungleichheit. So betrachtet hat das Megaprojekt der 1960er, mit seiner Ikone Oscar Niemeyer, definitiv etwas mit der aktuellen Fotografie von Leo zu tun. Eine geplante Stadt mit schönen Formen sollte an erster Stelle seinen Bewohnern dienen und nicht anders rum.

Leonardo wird bis Ende des Jahres 2010 ein weiteres Projekt über Brasilien beginnen. Das Augenmerk soll auf Brasílias ersten modernistischen Wohnhäusern liegen, die man höchstens von außen kennt, und darauf wie sie durch ihre Bewohner angeeignet werden.

Further photographs of MetaBrasília or other projects see/ für mehr Bilder der Reihe MetaBrasília siehe: leonardowen.com

By/Von: Julia Ziesche

O Desejo da Forma

August 23, 2010

Caros leitores e leitoras deste Blog, a tão aguardada abertura da exposição o “Desejo da Forma” está chegando… Pra já ter um gostinho vocês podem dar uma olhada na página Web da exposição: http://adk.de/brasilien/index.htm ou no documento “Flyer” em baixo. Divirtam-se… e nos vemos por lá.

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Liebe Teilnehmer(innen) von diesem Blog, die erwartet Anfang der Ausstellung “Das Verlangen Nach Form” rückt näher, und in den Genuss zu kommen kann man schon unter: http://adk.de/brasilien/index.htm die Webseite der Ausstellungs ansehen. Oder der Flyer.

De/Von Teresa Bueno

Premeditando o Breque

August 9, 2010

Nos anos 80, um grupo de musicos se juntou formando o grupo: Premeditando o breque, nas suas músicas, eles retratam de forma ironica a vida dos paulistanos e da cidade de São Paulo com a sua fauna urbana, diferenciada, multicolorida, multiracial. Se você leitor ficou curioso dê uma olhada neste vídeo:


Por incrivel que pareça andar pela cidade pode ser um prazer (mesmo porque dependendo de onde se vai, é muito mais rápido ir a pé do que de carro…) Numa primeira vista a cidade é agressiva, suja, mas olhe uma segunda vez. A poesia da cidade se esconde atrás de suas fachadas tristes (mesmo porque depois que o prefeito Kassab, tirou todas as faixas e outdoors), a cidade ressurge. Deixe se envolver pela Liberdade, Santana, as Perdizes… e acabe no Paraíso de ter sido parte dessa vida (avenida) paulista…

De Teresa Bueno

Yesterday I visited the new exposition of the series „connect:“ at the Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), that aims at linking art scenes around the world – in this case Germany and Rio de Janeiro. Supplementing our project, this exhibition fits in very well and the first flyers for „O Desejo da Forma“ were to be found in the ifa Gallery. Five of the ten exhibiting artists showed the visitors around for 1,5 hours talking about themselves, their art and the shared art space „A Gentil Carioca“, that was opened in 2003 and lies in the old and popular center of Rio. The first impression was a little irritating because at the entrance signs with „Taking pictures is forbidden“, „The gallery is camera supervised“ and „Do not lean against moving walls“. However, my expectation of an interactive exposition were met during the guided tour – where it was possible to paste star stickers against the walls. By the way an exiting optic. Noteworthy is the conception of the art works, that is characterised by permeable transitions. There are no boundaries between one artists work and another work, which is also appropriate for evaluating the viewer’s perspective.

Artists in alphabetical order: Botner & Pedro, Carlos Contente, Guga Ferraz, Laura Lima, Jarbas Lopes, João Modé, Paulo Nenflidio, Ernesto Neto, Maria Neopomuceno, Alexander Vogler

As greenhorn in the contemporary art scene of Brazil – or Rio? – I was pleased to hear names like Lygia Clark during the guided tour. Laura Lima presented some pieces of her costumes collection, that were directly put on our hands. Meanwhile Guga Ferraz took time to talk about life and antagonisms present in Rio – that are approached by the majority of the artists. Already the location of the gallery outside of the noble Zona Sul and the parede gentil, the always artistically changing outer wall of the art space that assures sharing art with every passerby, are proves of their aims. For their steadily alternating expositions the gallery receive tons of applications by yet unknown artists, that can’t be all displayed. The social and political interests and the objection towards social inequalities is nothing often associated with arte neoconcretista. Most of these artists were not in need of selling their art, however a simple comparison should be carefully made, since conditions for artists have changed in the past years. The fact that A Gentil Carioca has only one non-brazilian artists in its permanent collective was responded by Márcio Botner who believes that in the future this will probably change.

We suggest a visit to ifa-Galerie where the exhibition is on display til 10/10/2010.

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Gestern besuchte ich die neue Ausstellung in der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in der Reihe „connect:“, die sich zur Aufgabe gemacht hat weltweite Kunstszenen miteinander zu verknüpfen- in diesem Fall Deutschland und Rio de Janeiro. Auch diese Ausstellung passt wunderbar in unsere Projektgruppe und so ließen sich auch die ersten Flyer für „O Desejo da Forma“ in der ifa-Galerie mitnehmen. Fünf der zehn ausstellenden brasilianischen Künstler_innen führten für ca. 1,5 Stunden durch die Galerie und erzählten über sich, ihre Kunst und den gemeinsamen Kunstraum „A Gentil Carioca“, welcher seit 2003 in einem populären Viertel im Zentrum Rios existiert. Der erste Eindruck wurde durch das Schild „Fotografieren verboten“, „Die Galerieräume werden videoüberwacht“ und „Bitte lehnen sie sich nicht an die frei im Raum stehenden Stellwände““ etwas gedämpft. Allerdings wurden meine Erwartungen an Interaktivität während und nach der Führung erfüllt – so durften beliebig die Sternsticker an die Wände gepappt werden, die eine wunderbare Optik liefern. Beachtenswert ist die Konzeption der einzelnen Werke, die durch durchlässige Übergänge gekennzeichnet sind. Zwischen den einzelnen Werken gibt es keine klare Abgrenzung, was in meinen Augen auch für Betrachter_in gilt.

Künstler_innen in alphabetischer Reihenfolge sind: Botner & Pedro, Carlos Contente, Guga Ferraz, Laura Lima, Jarbas Lopes, João Modé, Paulo Nenflidio, Ernesto Neto, Maria Neopomuceno, Alexander Vogler

Als Neuling auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst Brasiliens – oder doch Rios? – war ich erfreut Namen wie Lygia Clark zu vernehmen. Laura Lima stellte einen kleinen Teil ihrer costumes vor, die sie uns auch sofort an die Hand legte, während Guga Ferraz die Zeit nutzte den Besuchern über die Lebenswelten und großen Widersprüche in Rio zu berichten – auf die sich viele der Künstler auf die eine oder andere Weise beziehen. Bereits der Standort der Galerie außerhalb der noblen Zona Sul Rios sowie die parede gentil – die stets wechselnde Außenmauer der Galerie – die Kunst mit jedem Passanten teilbar macht, sind eindeutige Indizien dafür. Für ihre regelmäßig wechselndes Ausstellungen erhält die Galerie unzählbare Bewerbungen von noch unbekannteren Künstlern, die sie bedauerlicherweise nicht alle ausstellen können. Die sozialen und politischen Interessen und den sozialen Ungleichheiten etwas entgegenzusetzen, wird den Künstlern des neoconretismo wenig zugeschrieben. So waren unsere neoconcretistas auch nicht darauf angewiesen ihre Werke zu verkaufen. Bei einem direkten Vergleich sollten wir jedoch vorsichtig sein, da es mittlerweile andere Möglichkeiten für Künstler gibt. Auffällig war, dass A Gentil Carioca, außer einem Neuseeländer bisher keine festen nicht-brasilianischen Künstler hat, was sich wohl in den nächsten Jahren laut Márcio Botner ändern wird.

Wir empfehlen ihnen einen Besuch der Ausstellung, die bis zum 10.Oktober 2010 in der ifa-Galerie zu sehen ist.

Recommended/Empfohlene Links

www.ifa.de

www.agentilcarioca.com.br

By/Von Julia Ziesche

Gullar – cut & read

July 28, 2010

Today we are actually not sure how to describe what we would like to talk about. Neither performing poetry nor poetic performance, but something quiet interactive and important to understand the intentions of arte neoconcreta. At least is has an easy name: livro-poema – poem book. We found ourselves rethinking over and over whether to cut pages out of the books or not, because this was supposedly the proper use. Finally, we decided not to cut books that weren’t even our property but to make a more or less equal copy and let others of the project group join us. The result, at least in our opinion, was some passionate cutting and poem reading and a better idea of what arte neonconcreta conveys.

Reasoning with his poem verde erva which was inspired by a park Gullar visited in Alcântara, Maranhão, he annotates the writing of his first livro-poema. The word verde appears three times in four lines, and thus followed by the word erva after the last verde. One of his friends had admitted not reading word by word of the poem which to Gullar meant not capturing the whole idea of his poem. In consequence he wrote his first livro-poema, a book with one word per page obligating the reader to read each word after the other. Additionally, the reader was encouraged to terminate the poem himself, cutting along the dashed lines which offer an enhanced reading of the text.

Cutting

Heute möchten wir über etwas schwer zu Beschreibendes berichten. Es ist weder performative Poesie noch poetische Performance, dennoch ist es interaktiv und vermittelt sehr gut die Absichten der arte neoconcreta. Zumindest der Name ist simpel: livro-poema – Gedichtbuch. Wir befanden uns in der misslichen Lage drauf und dran zu sein, dass aus der Bibliothek ausgeliehene Buch zu zerschneiden, wie es durch den Autor verlangt wurde. Um keinen Ärger zu bekommen, haben wir einfach Kopien erstellt und im Projektkurs einige Teilnehmer aufgefordert entlang der gestrichelten Linien zu schneiden. Das Ergebnis kann sich unserer Meinung nach sehen lassen und so hat jeder verstanden, was der neoconcretismo erreichen will.

Gullar selbst beschreibt anhand des Gedichtes verde erva, für welches ihn eine Grünanlage in Alcântara, Maranhão inspirierte, wie das erste livro-poema entstand. Das Wort verde wird in vier Zeilen jeweils dreimal ausgeschrieben. An das letzte verde schließt das Wort erva an. Bei einem Gespräch gestand einer seiner Freunde ein, sein visuelles Gedicht nicht Wort für Wort gelesen zu haben was in Gullars Augen hieß, das Gedicht nicht richtig erfasst zu haben. Daraufhin entwickelte er seine livro-poemas, in denen je ein Wort pro Seite auftaucht, was bewirkte, das der Leser tatsächlich jedes Wort für sich laß. Hinzu kam das Ausschneiden entlang gestrichelter Linien, welche in ihrer Form eine erweiterte Lesart des Gedichtes  ermöglichen.

By/Von Julia Ziesche

Today we are hoping to inform you better about what we’ve learned in the past weeks starting with embedding neoconcretismo historically which should only be considered a grain of truth as it is just one interpretation. We are grateful for comments or corrections!

The often ridiculed rivalry between São Paulo and Rio de Janeiro, between paulistas and cariocas, plays an important role in the development from concretismo to neoconcretismo. In his book Gullar recounts vividly Experiência Neoconcreta his personal standpoint and his first meeting with the Grupo Noigandres which members were Augusto and Haroldo de Campos and Décio Pignatari, the latter being a part of the exhibition in den Akademie der Künste we are waiting for in Berlin. The collaboration for article publication and exhibition was very fruitful, although it terminated with a separation from the group by Gullar who had found too many discrepancies. Although Gullar valorized the work of the others that were enough reasons for the separation. Gullar prepared an exhibition together with six other artists in Rio de Janeiro whose opening on 23 March 1959 in the Museu de Arte Moderna was preceded in the morning by the publication of the Manifesto Neoconcreta in the Suplemento Dominical do Jornal do Brasil. The group of signees who did not consider themselves as a group were: Amílcar de Castro, Franz Weissmann, Lygia Clark, Lygia Pape, Reynaldo Jardim and Theon Spanúdis.

For them, the differentiation from the Grupo Ruptura that supported concrete ideas of art around Waldemar Cordeiro was fundamental. In addition, an impending article of the Grupo Noigandres that was going to manifest mathematical principles as the basis for poetry, although they have never been fulfilled in the eyes of Gullar, encouraged him stating his opposing views.

Gullar and his friends especially disliked the rational and positivistic ideas of concretismo. They were disturbed by the terminology of art critics principally based on the natural sciences and prescribing artists theories on how to do art. A piece of art was neither an object or a machine, but instead a being that transcended its materiality. Geometric forms were vehicles of imagination and nothing mechanically or physically definable. The connection between art and its spectator was upheld by the neoconcretistas, as Lygia Clark later on remarkably involved in her collective art experiences. She made everyone an artist, being part of art, as might be presented in the AdK in September. The neoconcretismo group exhibited again in 1960 and 1961 before the slow parting of its artists.

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Heute wollen wir eine historische Kontextualisierung wagen. Selbstverständlich kann unsere Darstellung nicht als die Wahrheit festgehalten werden, sondern stellt eine mögliche Interpretation dar. Wir freuen uns über Ergänzungen und Korrekturen.

Die noch immer präsente, meist mit einem Lächeln beschriebene Rivalität zwischen São Paulo und Rio de Janeiro, paulistas und cariocas, sollte auch Katalysator für das Hervorgehen des neoconcretismo aus dem concretismo seien. In seinem Buch  Experiência Neoconcreta beschreibt Gullar ausführlich seine persönliche Sicht auf die Dinge und sein erstes Zusammentreffen mit den paulistas Augusto und Haroldo de Campos und Décio Pignatari, letzterer ebenfalls Teil der Ausstellung in der Akademie der Künste, die als Grupo Noigandres bekannt sind. Die Zusammenarbeit in Form von Artikeln und Ausstellungen trug Früchte, die jedoch nach einiger Zeit an Geschmack einbüßten. Gullar, der die Arbeit der anderen sehr schätzte, entdeckte mehr und mehr Diskrepanzen, die ihn veranlassten, eine andere Richtung einzuschlagen, die er in einer Ausstellung in Rio de Janeiro deutlich machen wollte. Am 23. März 1959 veröffentlichte Gullar in der Literaturbeilage Suplemento Dominical do Jornal do Brasil das Manifesto Neoconcreto, der Tag der Eröffnung der Primeira Exposição de Arte Neoconcreta im Museu de Arte Moderna in Rio, welches sich selbst als das Zentrum des neoconcretismo versteht. Unterzeichner sind sechs weitere Künstler aus Rio de Janeiro, die sich jedoch selbst nicht als Gruppe bezeichnen: Amílcar de Castro, Franz Weissmann, Lygia Clark, Lygia Pape, Reynaldo Jardim und Theon Spanúdis.

Wichtig ist Ihnen die Abgrenzung zur Grupo Ruptura um Waldemar Cordeiro, die in São Paulo den concretismo propagierte und zu den Vorstellungen der Grupo Noigandres, die kurz davor stand einen Artikel zu veröffentlichen, der die Mathematik als Grundlage für das Schreiben von Poesie manifestierte – eine Vorstellung, die zwar laut Gullar nie in die Tat umgesetzt wurde, jedoch abschreckend genug war, sich von solchen Aussagen zu distanzieren.

Vor allem die rationale und positivistische Sichtweise der concretistas mißfiel Gullar und seinen Freunden. Sie lehnten die damals an Naturwissenschaften angelehnten Begriffe der Kunsttheorie ab, die anhand anhand solcher untragbaren Theorien bestimmte wie ein Künstler sein Werk zu schaffen habe. Das Werk war für die neoconcretistas weder Objekt noch Maschine, sondern ein Wesen, welches seine Materialität transzendierte. Geometrische Formen stellten Vehikel der Imagination dar und keine mechanischen oder physischen Festlegungen. Für sie sollte der Betrachter und das Werk wieder eine starke Bindung eingehen, wie es später durch Lygia Clark auf die Spitze getrieben wurde, die über den einzelnen Betrachter hinaus, kollektiv Kunstwerke erschaffen ließ, die jeden zum Künstler machten, wie sie wohl auch in der Austellung in der AdK zu sehen sein werden. Es folgten noch zwei weitere Ausstellungen in den Jahren 1960 und 1961 an die sich im Anschluß die Gruppierung langsam auflöste.

By/Von Julia Ziesche

Welcome to Utopia

July 12, 2010

Shake Hands – You have made it. Together we will accompany the exhibition of the Akademie der Künste “O Desejo da Forma. Das Verlangen nach Form. Brasilianische Kunst. Vom Neonkonkretismus bis Brasília: 1959 – 1964” opening in September 2010 in Berlin.

For the upcoming months we are glad to share ideas, opinions, pictures and poetry on this page. The rules are simple – as soon as you would like to articulate something in connection with this exhibition and its topics. Participation can be in German, English, Portuguese or Spanish without any problem.

  • Art to touch?
  • Literature, music, plastic art and film reproduce Brazil’s takeoff towards modernity. When, how and why originated neonconcrete art and who were its fomenters? What markings has it left?
  • What happens when neoconcretismo meets the Akademie der Künste in Berlin?
  • Brasília turns 50 and Niemeyer is tired of explaining!
  • Who actually knows Brasília’s first residential houses?
  • Is it possible to wander in Brazil’s metropolises São Paulo, Brasília and Rio de Janeiro?

We invite you kindly to our participate freely in our interactive discussion in this blog – and don’t forget your scissors.

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Herzlichen Glückwunsch – Sie haben es geschafft. Gemeinsam wollen wir die Ausstellung der Akademie der Künste “O Desejo da Forma. Das Verlangen nach Form. Brasilianische Kunst. Vom Neokonkretismus bis Brasília: 1959-1964”, die im September in Berlin eröffnet wird, begleiten.

Auf dieser Seite möchten wir in den kommenden Monaten Eindrücke, Ideen, Meinungen, Bilder und Gedichte mit Ihnen teilen. Unsere Regeln sind einfach – sofern Sie etwas über die Ausstellung mit uns teilen möchten, können Sie dies tun. Sei es auf Deutsch, Englisch, Portugiesisch oder Spanisch.

  • Kunst zum Anfassen?
  • Der Aufbruch in die Moderne in Brasilien spiegelt sich in Literatur, Musik, Plastischen Künsten und im Film wider. Wann, wie und wo entstand der neoconcretismo und welche Künstler propagierten diese neue Richtung? Und welche Spuren hat er hinterlassen?
  • Was geschieht beim Zusammentreffen des brasilianischen neoconcretismo in der Akademie der Künste in Berlin?
  • Brasília wird 50 Jahre und Niemeyer will nichts mehr erklären!
  • Wer kennt Brasílias erste Wohnhäuser?
  • Wie lässt es sich in Brasiliens Großstädten Rio de Janeiro, São Paulo und Brasília heute (über)leben/flanieren?

Wir laden Sie herzlich ein mit uns in unserem interaktiven Blog zu diskutieren – bringen Sie eine Schere mit!