Einen Tag nach der Eröffnung gab Sônia Salzstein einen Vortrag in der AdK auf den eine Diskussionsrunde mit Waltercio Caldas, ihr, Robert Kudielka, Luiz Camillo Osorio, Michael Asbury, Iole de Freitas, Carla Guagliardi und Carlos Bevilacqua folgte.

Die vordergründige Frage, die in meinen Augen nicht in zwei Stunden beantwortet werden kann, ist die nach der Existenz einer modernen/zeitgenössischen brasilianischen Kunst. Ohne diese Frage von Beginn an abzulehnen, weil sie im Sinne der universalistischen Ansprüche der neoconcretistas möglicherweise hinfällig ist, versuchen wir zu verstehen in welche Richtung die Argumente gehen. Was bietet sich besser an, als mit brasilianischen Künstlern, bzw. Künstlern aus Brasilien, dieser Frage nachzugehen? Was tun sie und wie beschreiben sie dies? Waltercio ist ziemlich überzeugt, dass es keine brasilianische Kunst gibt, wie es auch keine brasilianische Mathematik gibt. Andere Künstler_innen hingegen waren überzeugter, dass es so etwas wie einen Einfluss anderer Künstler_innen aus Brasilien auf ihre Werke gibt. Dieses Gefühl trete für Carlos bestärkt im Ausland auf (welch anthropologische Erfahrung!). Wie Sônia es darstellte, ist die brasilianische Kunst der 50er und 60ern lange Zeit unbekannt geblieben, d.h. weniger rezipiert im Vergleich zu den Entwicklungen um 1922, die der brasilianischen Nation Ausdruck verliehen, wie es Kunsttheoretiker eingeimpft bekamen und weiter einimpften. Eine Diskussion, die bereits ziemlich durchgekaut wurde und selbst Michael Asbury langweilt: die Verbindung von Identität, Zukunft und Fortschritt. Sônia spricht von einer retrospektiven Täuschung in historisch konzipierten Ausstellungen, die bevorzugt die Kunst ab 1922 fokussierten und erst in den letzten Jahren auch spätere zeitgenössische Werke der 50er und 60er aufgreifen, die nicht ins nationale Konstrukt passten. Waltercio stimmte Sônias Beobachtung der Unbekanntheit zu und sieht in der nun aufgekommenden Auseinandersetzung mit der Kunst ab den 1950ern eben auch die Gefahr missverstanden zu werden. Im Grunde lies die Reaktion Kudielkas auf Sônias Vortrag fasst schon auf ein Missverständnis schließen, welches aber schnell im Dialog ausgeräumt wurde. Ihr Ansatz der „Geschichtlichkeit“ (historicity) sei keinesfalls ein Versuch der brasilianischen zeitgenössischen Kunst eine historische Legitimierung zuzusprechen. Luiz wies darauf hin, dass das in Europa so verbreitete geschichtliche Verständnis der Epochen in Brasilien zweit- wenn nicht sogar drittrangig ist. Es spielt einfach keine entscheidende Bedeutung. Sônia ist es wiederum wichtig, aufzuzeigen, dass die Moderne in Brasilien, die sich von Vorstellungen in Europa unterschied (wir wiederholen es noch einmal Herr Asbury), mit den Werken der 50er und 60er und von heute neu gedacht werden müsste. Dass es eben auch nicht eine brasilianische Moderne gibt. Da wird die Sache schon spannender.

Doch was ist nun das besondere an Brasilien? Worauf sprangen Flusser, Bense und Zweig bei ihrer Beschäftigung mit Brasilien an? Wo spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen, Brüche und Diskontinuitäten wider? Kudielka würde an dieser Stelle womöglich den Begriff der Geschichtlichkeit erneut aufgreifen, der Umstände beschreibt, auf die wir kaum einen Einfluss nehmen können, dennoch von ihnen geprägt werden, z.B. beim kreativen Schaffen. Oder er erinnert an den Begriff des „double conciousness“ von Du Bois. Carla beschreibt wie sie häufig durch das Attribut „brasilianische Künstlerin“ nicht mehr mit französischen oder britischen Künstlern verglichen wird, sondern einer anderen Schublade zugeordnet wird. Doch erkenne ich, dass ich im Saal 3, dem zeitgenössischen Teil der Ausstellung stehe, und die Werke brasilianischer Künstler betrachte? Sehe ich einen Unterschied zu einer Ausstellung zeitgenössischer belgischer Künstler im Museum van Hedendaagse Kunst in Antwerpen?

Dennoch schwebt der durch Frau Klengel geschilderte harmonische Eindruck sowie das sehr präsente brasilianische Aushängeschild (den Caipirinha Stand zur Eröffnung will ich nicht überbewerten) über der Ausstellung. Der Katalog ist somit von entscheidender Bedeutung um der Harmonie den Wind aus den Segeln zu nehmen. So wird beispielsweise durch diesen und das Konzept der Ausstellung der Mythos der Rivalitäten zwischen São Paulos concretistas und Rios neoconcretistas doch zu klitzekleinen Divergenzen schrumpfen. Weiterhin wirkt Sônias eingeführtes Oxymoron des „universalistischen Nationalismus“ sehr passend für die Besonderheiten und Ansprüche der brasilianischen Kunst ohne sie auf den nationalen Kontext zu reduzieren. Auch ich bin neugierig auf ihre Eindrücke!

Von Julia Ziesche

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Eröffnung

September 1, 2010

Morgen Donnerstag dem 2.September um 19 Uhr eröffnet die Ausstellung. Der Eintritt ist frei.

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio

Eröffnung mit Bernd Neumann, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, und Everton Vieira Vargas, Botschafter von Brasilien. Es wird eine Einführung in die Ausstellung (dt./engl.) von Robert Kudielka und Luiz Camillo Osorio geboten. Wir freuen uns. Am Sonntag dem 5.September ist der Eintritt ebenfalls kostenlos und um 11 Uhr findet eine Führung statt.

O Desejo da Forma

August 23, 2010

Caros leitores e leitoras deste Blog, a tão aguardada abertura da exposição o “Desejo da Forma” está chegando… Pra já ter um gostinho vocês podem dar uma olhada na página Web da exposição: http://adk.de/brasilien/index.htm ou no documento “Flyer” em baixo. Divirtam-se… e nos vemos por lá.

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Liebe Teilnehmer(innen) von diesem Blog, die erwartet Anfang der Ausstellung “Das Verlangen Nach Form” rückt näher, und in den Genuss zu kommen kann man schon unter: http://adk.de/brasilien/index.htm die Webseite der Ausstellungs ansehen. Oder der Flyer.

De/Von Teresa Bueno

Yesterday I visited the new exposition of the series „connect:“ at the Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), that aims at linking art scenes around the world – in this case Germany and Rio de Janeiro. Supplementing our project, this exhibition fits in very well and the first flyers for „O Desejo da Forma“ were to be found in the ifa Gallery. Five of the ten exhibiting artists showed the visitors around for 1,5 hours talking about themselves, their art and the shared art space „A Gentil Carioca“, that was opened in 2003 and lies in the old and popular center of Rio. The first impression was a little irritating because at the entrance signs with „Taking pictures is forbidden“, „The gallery is camera supervised“ and „Do not lean against moving walls“. However, my expectation of an interactive exposition were met during the guided tour – where it was possible to paste star stickers against the walls. By the way an exiting optic. Noteworthy is the conception of the art works, that is characterised by permeable transitions. There are no boundaries between one artists work and another work, which is also appropriate for evaluating the viewer’s perspective.

Artists in alphabetical order: Botner & Pedro, Carlos Contente, Guga Ferraz, Laura Lima, Jarbas Lopes, João Modé, Paulo Nenflidio, Ernesto Neto, Maria Neopomuceno, Alexander Vogler

As greenhorn in the contemporary art scene of Brazil – or Rio? – I was pleased to hear names like Lygia Clark during the guided tour. Laura Lima presented some pieces of her costumes collection, that were directly put on our hands. Meanwhile Guga Ferraz took time to talk about life and antagonisms present in Rio – that are approached by the majority of the artists. Already the location of the gallery outside of the noble Zona Sul and the parede gentil, the always artistically changing outer wall of the art space that assures sharing art with every passerby, are proves of their aims. For their steadily alternating expositions the gallery receive tons of applications by yet unknown artists, that can’t be all displayed. The social and political interests and the objection towards social inequalities is nothing often associated with arte neoconcretista. Most of these artists were not in need of selling their art, however a simple comparison should be carefully made, since conditions for artists have changed in the past years. The fact that A Gentil Carioca has only one non-brazilian artists in its permanent collective was responded by Márcio Botner who believes that in the future this will probably change.

We suggest a visit to ifa-Galerie where the exhibition is on display til 10/10/2010.

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Gestern besuchte ich die neue Ausstellung in der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in der Reihe „connect:“, die sich zur Aufgabe gemacht hat weltweite Kunstszenen miteinander zu verknüpfen- in diesem Fall Deutschland und Rio de Janeiro. Auch diese Ausstellung passt wunderbar in unsere Projektgruppe und so ließen sich auch die ersten Flyer für „O Desejo da Forma“ in der ifa-Galerie mitnehmen. Fünf der zehn ausstellenden brasilianischen Künstler_innen führten für ca. 1,5 Stunden durch die Galerie und erzählten über sich, ihre Kunst und den gemeinsamen Kunstraum „A Gentil Carioca“, welcher seit 2003 in einem populären Viertel im Zentrum Rios existiert. Der erste Eindruck wurde durch das Schild „Fotografieren verboten“, „Die Galerieräume werden videoüberwacht“ und „Bitte lehnen sie sich nicht an die frei im Raum stehenden Stellwände““ etwas gedämpft. Allerdings wurden meine Erwartungen an Interaktivität während und nach der Führung erfüllt – so durften beliebig die Sternsticker an die Wände gepappt werden, die eine wunderbare Optik liefern. Beachtenswert ist die Konzeption der einzelnen Werke, die durch durchlässige Übergänge gekennzeichnet sind. Zwischen den einzelnen Werken gibt es keine klare Abgrenzung, was in meinen Augen auch für Betrachter_in gilt.

Künstler_innen in alphabetischer Reihenfolge sind: Botner & Pedro, Carlos Contente, Guga Ferraz, Laura Lima, Jarbas Lopes, João Modé, Paulo Nenflidio, Ernesto Neto, Maria Neopomuceno, Alexander Vogler

Als Neuling auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst Brasiliens – oder doch Rios? – war ich erfreut Namen wie Lygia Clark zu vernehmen. Laura Lima stellte einen kleinen Teil ihrer costumes vor, die sie uns auch sofort an die Hand legte, während Guga Ferraz die Zeit nutzte den Besuchern über die Lebenswelten und großen Widersprüche in Rio zu berichten – auf die sich viele der Künstler auf die eine oder andere Weise beziehen. Bereits der Standort der Galerie außerhalb der noblen Zona Sul Rios sowie die parede gentil – die stets wechselnde Außenmauer der Galerie – die Kunst mit jedem Passanten teilbar macht, sind eindeutige Indizien dafür. Für ihre regelmäßig wechselndes Ausstellungen erhält die Galerie unzählbare Bewerbungen von noch unbekannteren Künstlern, die sie bedauerlicherweise nicht alle ausstellen können. Die sozialen und politischen Interessen und den sozialen Ungleichheiten etwas entgegenzusetzen, wird den Künstlern des neoconretismo wenig zugeschrieben. So waren unsere neoconcretistas auch nicht darauf angewiesen ihre Werke zu verkaufen. Bei einem direkten Vergleich sollten wir jedoch vorsichtig sein, da es mittlerweile andere Möglichkeiten für Künstler gibt. Auffällig war, dass A Gentil Carioca, außer einem Neuseeländer bisher keine festen nicht-brasilianischen Künstler hat, was sich wohl in den nächsten Jahren laut Márcio Botner ändern wird.

Wir empfehlen ihnen einen Besuch der Ausstellung, die bis zum 10.Oktober 2010 in der ifa-Galerie zu sehen ist.

Recommended/Empfohlene Links

www.ifa.de

www.agentilcarioca.com.br

By/Von Julia Ziesche