Auf den Spuren…

September 20, 2011

Obwohl bereits einige Monate verstrichen sind, bleibt’s zeitgenössisch: hier ein paar persönliche Erinnerungen an einen beeindruckenden Besuch in Minas Gerais, eigentlich der brasilianische Bundesstaat, der für Käse, Cachaça und Goldminen bekannt ist.

Aber auch Freunde der Architektur und Kunst bekommen den Mund nicht zu. Belo Horizonte, Hauptstadt und im Zentrum ziemlich straff durchgeplant was das Verlaufen unmöglich werden lässt, überraschte mich zunächst ganz unverhofft mit einem kurvigen Gebäude am Praça da Liberdade, welches, wie sollte es anders sein, von Niemeyer entworfen wurde.

Außerdem lädt die Stadt ein zu einem Besuch an der Lagoa da Pampulha. Entweder man wirft einen Blick auf eines der großen Stadien, die bereits für die WM umgerüstet werden oder man macht sich sofort auf den Weg entlang der “Lagune”, die genauso gut, nach Oscar Niemeyer benannt werden könnte. Von der Igreja São Francisco de Assis, vorbei am von Oscar konzipierten Yachtclub (früher öffentlicher, heute privater Club) und vielen luxuriösen Häusern, auf die wir dank der hohen Mauern nicht so richtig neidisch werden, erreichen wir das Casa do Baile – früher ein wunderschönes Tanzrestaurant – mittlerweile ein wunderschöner Ausstellungsort, der durch eine Kulturstiftung genutzt wird. Wer willig ist, sollte sich auf jeden Fall noch auf den Weg bis zum Museu de Arte da Pampulha machen. Mein Tipp: vorher schauen, ob das Museum gerade geöffnet ist, oder nur der Umbau für die nächste Ausstellung stattfindet.

Auch der Tagesausflug nach Inhotim ist mittlerweile kein Geheimtipp mehr, hat jedoch noch nicht seinen Reiz verloren. Die doch sehr polemische Entstehung dieses riesigen Natur-Kunst-Outdoor-Spielplatz lässt sich kaum beschreiben. Die Idee ist, die Besucher auf ihren Wegen durch den Botanischen Garten über zeitgenössische Kunst stolpern zu lassen und sie in eine der 17 Galerien zu locken. Wer will kann in der Galerie Cosmococa (Schuhe ausziehen!) entweder in Hélio Oiticicas Swimmingpool hüpfen oder in der Hängematte baumelnd Jimmy Hendrix hören. Einfach großartig. Und würde ich jetzt weiter erzählen, wer ich morgen noch nicht fertig. Deshalb einfach noch ein paar Fotos und die Empfehlung irgendwann selbst vorbei zuschauen.

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/von Julia Ziesche

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An diesem Sonntag an dem die Ausstellung zum letzten Mal ihre Türen öffnet, wollten wir einige Gedankengänge festhalten. Dieser vorerst letzte große Eintrag unsererseits, mag ihnen möglicherweise ein wenig konfus erscheinen. Das liegt dann aber schon an den Eindrücken und nicht an uns! Durchaus konnten nicht all unsere Fragen verfolgt, sondern witzigerweise eher neue Zusammenhänge aufgeworfen werden. Die große Diskussion der Einflüsse und Meinungsverschiedenheiten der concretistas aus Sao Paulo und neoconcretistas aus Rio de Janeiro, bezeichnet auch Ligia Chiappini mehr als diskursive Darstellung und weniger essentiell. Unsere „neutrale“ Südbrasilianerin darf sich das durchaus rausnehmen wie wir finden. Filme und andere Werke der Ausstellung zeigen uns das. Allen voran möglicherweise Gullar als Verfasser und Verfechter des Manifesto Neoconcreto, der so was von präsent ist in zahlreichen Ausstellungsstücken. Seine Stimme aus dem Off in Joaquim Pedro de Andrades Film „Brasília, contradições de uma cidade nova“ bleibt schier einprägsam. Wichtig ist wohl eher die Konsequenz der ganzen Strömungen, nämlich der große Auftritt, den Kunst aus Brasilien im Verlauf des (modernen) 20. Jahrhunderts hinlegte und bis heute hinlegt. Jeder Künstler schafft etwas ziemlich Besonderes in dem er seine/ ihre Fähigkeiten in der Praxis umsetzt. Lygia Clark beschloss den Rahmen wegzulassen, Oiticica seine Werke in den Raum zu hängen und begehbar zu machen. Poeten manipulierten ihre Schreibmaschinen mit Farbe und Bildhauer entwickelten neue Techniken Materialien zu verarbeiten. Definitiv wird sich die Arbeit der Restaurateure in den nächsten Jahren als ziemlich schwierig gestalten. Ob die Künstler alle einfach zu lange Leben um sie als Einfluss auf zeitgenössische Kunst oder selbst als zeitgenössische Künstler zu bezeichnen, werden wir wohl so schnell nicht festlegen können. Vor allem wenn 80-Jährige sich nicht einmal vor den neuen Medien scheuen und regelmäßig ihre Blogs aktualisieren. Weiterhin hat uns die Zeit der Ausstellung gelehrt, dass Lygia Papes bichos nicht an die Decke gehangen werden sollten und man aus der Jury der Bienal in São Paulo fliegt, wenn man Kritik an Niemeyer äußert.

Und nun nochmal zu Brasília. Für Niemeyer erfüllte sich der Traum einer/s jeder/n Architektin/en – einen Entwurf zu machen, der innerhalb kürzester Zeit in die Realität umgesetzt wird. Auch Max Bense, der für einige Zeit nach Brasilien reiste, verließ sein geliebtes Rio um sich die Baustelle „Brasília“, die neue Autostadt überhaupt und Symbol für die mobile Gesellschaft, anzuschauen und Impressionen festzuhalten. Peter Zlonicky, der zum Zeitpunkt der Umsetzung des Projektes gerade seine Arbeit als Stadtplaner und Architekt in Deutschland aufnahm, erinnerte sich bei dem Vortrag am Pariser Platz an seine Faszination für die Stadt, die bis heute nicht verebbt. Mit Bildern des Congresso Nacional, aber auch niemeyerschen Projekten in São Paulo, sei es das Memorial da América Latina oder das Auditório Ibirapuera, unterstrich er seine Begeisterung für Oscars Begabung, die Form in Szene zu setzen. Im Anschluss spricht er sich dafür aus, dass wir von Brasília und Niemeyers Vorstellungen tatsächlich einiges lernen können, z.B. für zukünftige Städteplanung. Darüber macht sich im Grunde nicht nur der Bewohner Brasílias seine Gedanken, sondern jeder Mensch, der in einer großen Stadt lebt. Ein guter Freund in São Paulo stellte vor ein paar Monaten fest, die wahnsinnige Bebauung São Paulos hat uns das Recht genommen Sonnenuntergang wie -aufgang in der Stadt zu sehen. Eingegrenzt von hohen Gebäuden, müsste sich mensch ein Appartment in den oberen Etagen leisten können. Zurück zu Brasília: dass der Fleck auf der Landkarte auf dem Brasília errichtet wurde bereits zu Beginn des 19. Jh. für die neue Hauptstadt vorgesehen war, fernab der portugiesisch geprägten Küstenstädte, wussten die wenigsten Zuhörer in der Akademie der Künste. Dass der Bau Brasílias aber nur in einem größeren Kontext als Teil des nationbuildings verständlich wird, war ein Ergebnis der Diskussion. Dass Brasília sich heute doch seinen Bewohnern unterordnet, war ein weiteres Ergebnis und wurde durch Etienne vor Ort erkannt. Das Leben in der Hauptstadt ist heute stark durch Akteure geprägt, die sich die Stadt aneignen. Für mich bleibt die symbolische Bedeutung als Sitz der Regierung dennoch lebendig, wie es die regelmäßigen Demonstranten auf den großen Plätzen Brasílias suggerieren, sei es das MST oder indigene Gruppierungen, die ihren Forderungen Ausdruck verleihen indem sie ihre Zelte in der Hauptstadt aufschlagen.

Das Verständnis eines modernen Staates ist stark an die Urbanisierung geknüpft und wurde im brasilianischen Fall z.B. durch Bense beschrieben für den Brasílias Urbanität an der Oberfläche zu zerspringen drohte. Die zunehmende Bedeutung der industriellen Zentren im Verlauf des 20. Jh. geht einher mit der Eröffnung der ersten Kunstmuseen, sowie der Gründung der Bienal im Jahr 1951. Im Grunde sollten wir uns davon verabschieden in Lateinamerika eine Region zu sehen, die Europa hinterherstrebt. So sind Begriffe der “defekten” Demokratien einfach überholt und der Feststellung, dass in Europa Theorien und Ideen anhand der „Realität“ geschaffen wurden, während in Lateinamerika versucht wurde die Realität an die Theorie anzupassen, sollte kritisch nachgegangen werden. Die Theorie/Realitätsdebatte erinnert an den Begriff Gullars des não-objeto bei dem charakterisierend ist, dass das Kunstwerk einer Theorie vorangeht und nicht umgekehrt. Eine andere unserer Bemerkungen betrifft Flusser, dessen Buch den Titel „Brasilien oder die Suche nach dem modernen Menschen“ trägt. Wie ich finde sollte er sich mit Etienne kurzschließen, der auch verunsichert war, wo er denn wohne, dieser moderne Mensch. Durchaus scheitert es aber nicht an einer schwer nachvollziehbaren Adresse sondern an der Utopie des modernen Menschen per se. Somit geht es auch nicht um das Brasilianische an der Ausstellung, das einer der Zuhörer am LAI so sehr vermisste, sondern u.a. um transatlantische Verbindungen und interkulturelle Dialoge, z.B. zwischen Brasilien und der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Bei den Fragen zum intellektuellen Austausch blieben viele unbeantwortet. Mit wem verkehrte der große Autodidakt Flusser auf seiner Terrasse? Und wie sollen wir das herausbekommen? Es ist schade, wenn in Deutschland zwar Interesse für seine Kommunikations- und Medientheorien vorliegt, niemand jedoch des Portugiesischen mächtig ist um diese Theorien in ihrer Zeit zu kontextualisieren. Vice versa lässt sich die Situation der brasilianischen Flusser Fans charakterisieren. So lässt sich da bestimmt noch einiges erwarten in der kommenden Zeit. Auch Benses Essay „Brasilianische Intelligenz“ von 1965 wurde erst 2009 vom Deutschen ins Portugiesische übersetzt.

Die Aktualität der ganzen künstlerischen Werke hat mich wohl am meisten beeindruckt und ich lausche elektronischer Musik mit etwas anderen Ohren oder nehme mir vor eine Veranstaltung Gomringers Tochter Nora-Eugenie zu besuchen, eines der bekannten Gesichter der deutschsprachigen Poetry Slam Szene ist. Und dann überlege ich, wie ich auch mal in den Genuss komme, die Bienal in São Paulo zu besuchen. So wie Teresa und Etienne… Vorerst bleibt mir aber noch die Ausstellung der AdK zu argentinischer zeitgenössischer Kunst. Auch diese ist empfehlenswert!

Von Julia Ziesche

Einen Tag nach der Eröffnung gab Sônia Salzstein einen Vortrag in der AdK auf den eine Diskussionsrunde mit Waltercio Caldas, ihr, Robert Kudielka, Luiz Camillo Osorio, Michael Asbury, Iole de Freitas, Carla Guagliardi und Carlos Bevilacqua folgte.

Die vordergründige Frage, die in meinen Augen nicht in zwei Stunden beantwortet werden kann, ist die nach der Existenz einer modernen/zeitgenössischen brasilianischen Kunst. Ohne diese Frage von Beginn an abzulehnen, weil sie im Sinne der universalistischen Ansprüche der neoconcretistas möglicherweise hinfällig ist, versuchen wir zu verstehen in welche Richtung die Argumente gehen. Was bietet sich besser an, als mit brasilianischen Künstlern, bzw. Künstlern aus Brasilien, dieser Frage nachzugehen? Was tun sie und wie beschreiben sie dies? Waltercio ist ziemlich überzeugt, dass es keine brasilianische Kunst gibt, wie es auch keine brasilianische Mathematik gibt. Andere Künstler_innen hingegen waren überzeugter, dass es so etwas wie einen Einfluss anderer Künstler_innen aus Brasilien auf ihre Werke gibt. Dieses Gefühl trete für Carlos bestärkt im Ausland auf (welch anthropologische Erfahrung!). Wie Sônia es darstellte, ist die brasilianische Kunst der 50er und 60ern lange Zeit unbekannt geblieben, d.h. weniger rezipiert im Vergleich zu den Entwicklungen um 1922, die der brasilianischen Nation Ausdruck verliehen, wie es Kunsttheoretiker eingeimpft bekamen und weiter einimpften. Eine Diskussion, die bereits ziemlich durchgekaut wurde und selbst Michael Asbury langweilt: die Verbindung von Identität, Zukunft und Fortschritt. Sônia spricht von einer retrospektiven Täuschung in historisch konzipierten Ausstellungen, die bevorzugt die Kunst ab 1922 fokussierten und erst in den letzten Jahren auch spätere zeitgenössische Werke der 50er und 60er aufgreifen, die nicht ins nationale Konstrukt passten. Waltercio stimmte Sônias Beobachtung der Unbekanntheit zu und sieht in der nun aufgekommenden Auseinandersetzung mit der Kunst ab den 1950ern eben auch die Gefahr missverstanden zu werden. Im Grunde lies die Reaktion Kudielkas auf Sônias Vortrag fasst schon auf ein Missverständnis schließen, welches aber schnell im Dialog ausgeräumt wurde. Ihr Ansatz der „Geschichtlichkeit“ (historicity) sei keinesfalls ein Versuch der brasilianischen zeitgenössischen Kunst eine historische Legitimierung zuzusprechen. Luiz wies darauf hin, dass das in Europa so verbreitete geschichtliche Verständnis der Epochen in Brasilien zweit- wenn nicht sogar drittrangig ist. Es spielt einfach keine entscheidende Bedeutung. Sônia ist es wiederum wichtig, aufzuzeigen, dass die Moderne in Brasilien, die sich von Vorstellungen in Europa unterschied (wir wiederholen es noch einmal Herr Asbury), mit den Werken der 50er und 60er und von heute neu gedacht werden müsste. Dass es eben auch nicht eine brasilianische Moderne gibt. Da wird die Sache schon spannender.

Doch was ist nun das besondere an Brasilien? Worauf sprangen Flusser, Bense und Zweig bei ihrer Beschäftigung mit Brasilien an? Wo spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen, Brüche und Diskontinuitäten wider? Kudielka würde an dieser Stelle womöglich den Begriff der Geschichtlichkeit erneut aufgreifen, der Umstände beschreibt, auf die wir kaum einen Einfluss nehmen können, dennoch von ihnen geprägt werden, z.B. beim kreativen Schaffen. Oder er erinnert an den Begriff des „double conciousness“ von Du Bois. Carla beschreibt wie sie häufig durch das Attribut „brasilianische Künstlerin“ nicht mehr mit französischen oder britischen Künstlern verglichen wird, sondern einer anderen Schublade zugeordnet wird. Doch erkenne ich, dass ich im Saal 3, dem zeitgenössischen Teil der Ausstellung stehe, und die Werke brasilianischer Künstler betrachte? Sehe ich einen Unterschied zu einer Ausstellung zeitgenössischer belgischer Künstler im Museum van Hedendaagse Kunst in Antwerpen?

Dennoch schwebt der durch Frau Klengel geschilderte harmonische Eindruck sowie das sehr präsente brasilianische Aushängeschild (den Caipirinha Stand zur Eröffnung will ich nicht überbewerten) über der Ausstellung. Der Katalog ist somit von entscheidender Bedeutung um der Harmonie den Wind aus den Segeln zu nehmen. So wird beispielsweise durch diesen und das Konzept der Ausstellung der Mythos der Rivalitäten zwischen São Paulos concretistas und Rios neoconcretistas doch zu klitzekleinen Divergenzen schrumpfen. Weiterhin wirkt Sônias eingeführtes Oxymoron des „universalistischen Nationalismus“ sehr passend für die Besonderheiten und Ansprüche der brasilianischen Kunst ohne sie auf den nationalen Kontext zu reduzieren. Auch ich bin neugierig auf ihre Eindrücke!

Von Julia Ziesche

Eröffnung

September 1, 2010

Morgen Donnerstag dem 2.September um 19 Uhr eröffnet die Ausstellung. Der Eintritt ist frei.

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio

Eröffnung mit Bernd Neumann, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, und Everton Vieira Vargas, Botschafter von Brasilien. Es wird eine Einführung in die Ausstellung (dt./engl.) von Robert Kudielka und Luiz Camillo Osorio geboten. Wir freuen uns. Am Sonntag dem 5.September ist der Eintritt ebenfalls kostenlos und um 11 Uhr findet eine Führung statt.

O Desejo da Forma

August 23, 2010

Caros leitores e leitoras deste Blog, a tão aguardada abertura da exposição o “Desejo da Forma” está chegando… Pra já ter um gostinho vocês podem dar uma olhada na página Web da exposição: http://adk.de/brasilien/index.htm ou no documento “Flyer” em baixo. Divirtam-se… e nos vemos por lá.

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Liebe Teilnehmer(innen) von diesem Blog, die erwartet Anfang der Ausstellung “Das Verlangen Nach Form” rückt näher, und in den Genuss zu kommen kann man schon unter: http://adk.de/brasilien/index.htm die Webseite der Ausstellungs ansehen. Oder der Flyer.

De/Von Teresa Bueno

Yesterday I visited the new exposition of the series „connect:“ at the Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), that aims at linking art scenes around the world – in this case Germany and Rio de Janeiro. Supplementing our project, this exhibition fits in very well and the first flyers for „O Desejo da Forma“ were to be found in the ifa Gallery. Five of the ten exhibiting artists showed the visitors around for 1,5 hours talking about themselves, their art and the shared art space „A Gentil Carioca“, that was opened in 2003 and lies in the old and popular center of Rio. The first impression was a little irritating because at the entrance signs with „Taking pictures is forbidden“, „The gallery is camera supervised“ and „Do not lean against moving walls“. However, my expectation of an interactive exposition were met during the guided tour – where it was possible to paste star stickers against the walls. By the way an exiting optic. Noteworthy is the conception of the art works, that is characterised by permeable transitions. There are no boundaries between one artists work and another work, which is also appropriate for evaluating the viewer’s perspective.

Artists in alphabetical order: Botner & Pedro, Carlos Contente, Guga Ferraz, Laura Lima, Jarbas Lopes, João Modé, Paulo Nenflidio, Ernesto Neto, Maria Neopomuceno, Alexander Vogler

As greenhorn in the contemporary art scene of Brazil – or Rio? – I was pleased to hear names like Lygia Clark during the guided tour. Laura Lima presented some pieces of her costumes collection, that were directly put on our hands. Meanwhile Guga Ferraz took time to talk about life and antagonisms present in Rio – that are approached by the majority of the artists. Already the location of the gallery outside of the noble Zona Sul and the parede gentil, the always artistically changing outer wall of the art space that assures sharing art with every passerby, are proves of their aims. For their steadily alternating expositions the gallery receive tons of applications by yet unknown artists, that can’t be all displayed. The social and political interests and the objection towards social inequalities is nothing often associated with arte neoconcretista. Most of these artists were not in need of selling their art, however a simple comparison should be carefully made, since conditions for artists have changed in the past years. The fact that A Gentil Carioca has only one non-brazilian artists in its permanent collective was responded by Márcio Botner who believes that in the future this will probably change.

We suggest a visit to ifa-Galerie where the exhibition is on display til 10/10/2010.

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Gestern besuchte ich die neue Ausstellung in der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in der Reihe „connect:“, die sich zur Aufgabe gemacht hat weltweite Kunstszenen miteinander zu verknüpfen- in diesem Fall Deutschland und Rio de Janeiro. Auch diese Ausstellung passt wunderbar in unsere Projektgruppe und so ließen sich auch die ersten Flyer für „O Desejo da Forma“ in der ifa-Galerie mitnehmen. Fünf der zehn ausstellenden brasilianischen Künstler_innen führten für ca. 1,5 Stunden durch die Galerie und erzählten über sich, ihre Kunst und den gemeinsamen Kunstraum „A Gentil Carioca“, welcher seit 2003 in einem populären Viertel im Zentrum Rios existiert. Der erste Eindruck wurde durch das Schild „Fotografieren verboten“, „Die Galerieräume werden videoüberwacht“ und „Bitte lehnen sie sich nicht an die frei im Raum stehenden Stellwände““ etwas gedämpft. Allerdings wurden meine Erwartungen an Interaktivität während und nach der Führung erfüllt – so durften beliebig die Sternsticker an die Wände gepappt werden, die eine wunderbare Optik liefern. Beachtenswert ist die Konzeption der einzelnen Werke, die durch durchlässige Übergänge gekennzeichnet sind. Zwischen den einzelnen Werken gibt es keine klare Abgrenzung, was in meinen Augen auch für Betrachter_in gilt.

Künstler_innen in alphabetischer Reihenfolge sind: Botner & Pedro, Carlos Contente, Guga Ferraz, Laura Lima, Jarbas Lopes, João Modé, Paulo Nenflidio, Ernesto Neto, Maria Neopomuceno, Alexander Vogler

Als Neuling auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst Brasiliens – oder doch Rios? – war ich erfreut Namen wie Lygia Clark zu vernehmen. Laura Lima stellte einen kleinen Teil ihrer costumes vor, die sie uns auch sofort an die Hand legte, während Guga Ferraz die Zeit nutzte den Besuchern über die Lebenswelten und großen Widersprüche in Rio zu berichten – auf die sich viele der Künstler auf die eine oder andere Weise beziehen. Bereits der Standort der Galerie außerhalb der noblen Zona Sul Rios sowie die parede gentil – die stets wechselnde Außenmauer der Galerie – die Kunst mit jedem Passanten teilbar macht, sind eindeutige Indizien dafür. Für ihre regelmäßig wechselndes Ausstellungen erhält die Galerie unzählbare Bewerbungen von noch unbekannteren Künstlern, die sie bedauerlicherweise nicht alle ausstellen können. Die sozialen und politischen Interessen und den sozialen Ungleichheiten etwas entgegenzusetzen, wird den Künstlern des neoconretismo wenig zugeschrieben. So waren unsere neoconcretistas auch nicht darauf angewiesen ihre Werke zu verkaufen. Bei einem direkten Vergleich sollten wir jedoch vorsichtig sein, da es mittlerweile andere Möglichkeiten für Künstler gibt. Auffällig war, dass A Gentil Carioca, außer einem Neuseeländer bisher keine festen nicht-brasilianischen Künstler hat, was sich wohl in den nächsten Jahren laut Márcio Botner ändern wird.

Wir empfehlen ihnen einen Besuch der Ausstellung, die bis zum 10.Oktober 2010 in der ifa-Galerie zu sehen ist.

Recommended/Empfohlene Links

www.ifa.de

www.agentilcarioca.com.br

By/Von Julia Ziesche

Today we are hoping to inform you better about what we’ve learned in the past weeks starting with embedding neoconcretismo historically which should only be considered a grain of truth as it is just one interpretation. We are grateful for comments or corrections!

The often ridiculed rivalry between São Paulo and Rio de Janeiro, between paulistas and cariocas, plays an important role in the development from concretismo to neoconcretismo. In his book Gullar recounts vividly Experiência Neoconcreta his personal standpoint and his first meeting with the Grupo Noigandres which members were Augusto and Haroldo de Campos and Décio Pignatari, the latter being a part of the exhibition in den Akademie der Künste we are waiting for in Berlin. The collaboration for article publication and exhibition was very fruitful, although it terminated with a separation from the group by Gullar who had found too many discrepancies. Although Gullar valorized the work of the others that were enough reasons for the separation. Gullar prepared an exhibition together with six other artists in Rio de Janeiro whose opening on 23 March 1959 in the Museu de Arte Moderna was preceded in the morning by the publication of the Manifesto Neoconcreta in the Suplemento Dominical do Jornal do Brasil. The group of signees who did not consider themselves as a group were: Amílcar de Castro, Franz Weissmann, Lygia Clark, Lygia Pape, Reynaldo Jardim and Theon Spanúdis.

For them, the differentiation from the Grupo Ruptura that supported concrete ideas of art around Waldemar Cordeiro was fundamental. In addition, an impending article of the Grupo Noigandres that was going to manifest mathematical principles as the basis for poetry, although they have never been fulfilled in the eyes of Gullar, encouraged him stating his opposing views.

Gullar and his friends especially disliked the rational and positivistic ideas of concretismo. They were disturbed by the terminology of art critics principally based on the natural sciences and prescribing artists theories on how to do art. A piece of art was neither an object or a machine, but instead a being that transcended its materiality. Geometric forms were vehicles of imagination and nothing mechanically or physically definable. The connection between art and its spectator was upheld by the neoconcretistas, as Lygia Clark later on remarkably involved in her collective art experiences. She made everyone an artist, being part of art, as might be presented in the AdK in September. The neoconcretismo group exhibited again in 1960 and 1961 before the slow parting of its artists.

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Heute wollen wir eine historische Kontextualisierung wagen. Selbstverständlich kann unsere Darstellung nicht als die Wahrheit festgehalten werden, sondern stellt eine mögliche Interpretation dar. Wir freuen uns über Ergänzungen und Korrekturen.

Die noch immer präsente, meist mit einem Lächeln beschriebene Rivalität zwischen São Paulo und Rio de Janeiro, paulistas und cariocas, sollte auch Katalysator für das Hervorgehen des neoconcretismo aus dem concretismo seien. In seinem Buch  Experiência Neoconcreta beschreibt Gullar ausführlich seine persönliche Sicht auf die Dinge und sein erstes Zusammentreffen mit den paulistas Augusto und Haroldo de Campos und Décio Pignatari, letzterer ebenfalls Teil der Ausstellung in der Akademie der Künste, die als Grupo Noigandres bekannt sind. Die Zusammenarbeit in Form von Artikeln und Ausstellungen trug Früchte, die jedoch nach einiger Zeit an Geschmack einbüßten. Gullar, der die Arbeit der anderen sehr schätzte, entdeckte mehr und mehr Diskrepanzen, die ihn veranlassten, eine andere Richtung einzuschlagen, die er in einer Ausstellung in Rio de Janeiro deutlich machen wollte. Am 23. März 1959 veröffentlichte Gullar in der Literaturbeilage Suplemento Dominical do Jornal do Brasil das Manifesto Neoconcreto, der Tag der Eröffnung der Primeira Exposição de Arte Neoconcreta im Museu de Arte Moderna in Rio, welches sich selbst als das Zentrum des neoconcretismo versteht. Unterzeichner sind sechs weitere Künstler aus Rio de Janeiro, die sich jedoch selbst nicht als Gruppe bezeichnen: Amílcar de Castro, Franz Weissmann, Lygia Clark, Lygia Pape, Reynaldo Jardim und Theon Spanúdis.

Wichtig ist Ihnen die Abgrenzung zur Grupo Ruptura um Waldemar Cordeiro, die in São Paulo den concretismo propagierte und zu den Vorstellungen der Grupo Noigandres, die kurz davor stand einen Artikel zu veröffentlichen, der die Mathematik als Grundlage für das Schreiben von Poesie manifestierte – eine Vorstellung, die zwar laut Gullar nie in die Tat umgesetzt wurde, jedoch abschreckend genug war, sich von solchen Aussagen zu distanzieren.

Vor allem die rationale und positivistische Sichtweise der concretistas mißfiel Gullar und seinen Freunden. Sie lehnten die damals an Naturwissenschaften angelehnten Begriffe der Kunsttheorie ab, die anhand anhand solcher untragbaren Theorien bestimmte wie ein Künstler sein Werk zu schaffen habe. Das Werk war für die neoconcretistas weder Objekt noch Maschine, sondern ein Wesen, welches seine Materialität transzendierte. Geometrische Formen stellten Vehikel der Imagination dar und keine mechanischen oder physischen Festlegungen. Für sie sollte der Betrachter und das Werk wieder eine starke Bindung eingehen, wie es später durch Lygia Clark auf die Spitze getrieben wurde, die über den einzelnen Betrachter hinaus, kollektiv Kunstwerke erschaffen ließ, die jeden zum Künstler machten, wie sie wohl auch in der Austellung in der AdK zu sehen sein werden. Es folgten noch zwei weitere Ausstellungen in den Jahren 1960 und 1961 an die sich im Anschluß die Gruppierung langsam auflöste.

By/Von Julia Ziesche