Auf den Spuren…

September 20, 2011

Obwohl bereits einige Monate verstrichen sind, bleibt’s zeitgenössisch: hier ein paar persönliche Erinnerungen an einen beeindruckenden Besuch in Minas Gerais, eigentlich der brasilianische Bundesstaat, der für Käse, Cachaça und Goldminen bekannt ist.

Aber auch Freunde der Architektur und Kunst bekommen den Mund nicht zu. Belo Horizonte, Hauptstadt und im Zentrum ziemlich straff durchgeplant was das Verlaufen unmöglich werden lässt, überraschte mich zunächst ganz unverhofft mit einem kurvigen Gebäude am Praça da Liberdade, welches, wie sollte es anders sein, von Niemeyer entworfen wurde.

Außerdem lädt die Stadt ein zu einem Besuch an der Lagoa da Pampulha. Entweder man wirft einen Blick auf eines der großen Stadien, die bereits für die WM umgerüstet werden oder man macht sich sofort auf den Weg entlang der “Lagune”, die genauso gut, nach Oscar Niemeyer benannt werden könnte. Von der Igreja São Francisco de Assis, vorbei am von Oscar konzipierten Yachtclub (früher öffentlicher, heute privater Club) und vielen luxuriösen Häusern, auf die wir dank der hohen Mauern nicht so richtig neidisch werden, erreichen wir das Casa do Baile – früher ein wunderschönes Tanzrestaurant – mittlerweile ein wunderschöner Ausstellungsort, der durch eine Kulturstiftung genutzt wird. Wer willig ist, sollte sich auf jeden Fall noch auf den Weg bis zum Museu de Arte da Pampulha machen. Mein Tipp: vorher schauen, ob das Museum gerade geöffnet ist, oder nur der Umbau für die nächste Ausstellung stattfindet.

Auch der Tagesausflug nach Inhotim ist mittlerweile kein Geheimtipp mehr, hat jedoch noch nicht seinen Reiz verloren. Die doch sehr polemische Entstehung dieses riesigen Natur-Kunst-Outdoor-Spielplatz lässt sich kaum beschreiben. Die Idee ist, die Besucher auf ihren Wegen durch den Botanischen Garten über zeitgenössische Kunst stolpern zu lassen und sie in eine der 17 Galerien zu locken. Wer will kann in der Galerie Cosmococa (Schuhe ausziehen!) entweder in Hélio Oiticicas Swimmingpool hüpfen oder in der Hängematte baumelnd Jimmy Hendrix hören. Einfach großartig. Und würde ich jetzt weiter erzählen, wer ich morgen noch nicht fertig. Deshalb einfach noch ein paar Fotos und die Empfehlung irgendwann selbst vorbei zuschauen.

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/von Julia Ziesche

An diesem Sonntag an dem die Ausstellung zum letzten Mal ihre Türen öffnet, wollten wir einige Gedankengänge festhalten. Dieser vorerst letzte große Eintrag unsererseits, mag ihnen möglicherweise ein wenig konfus erscheinen. Das liegt dann aber schon an den Eindrücken und nicht an uns! Durchaus konnten nicht all unsere Fragen verfolgt, sondern witzigerweise eher neue Zusammenhänge aufgeworfen werden. Die große Diskussion der Einflüsse und Meinungsverschiedenheiten der concretistas aus Sao Paulo und neoconcretistas aus Rio de Janeiro, bezeichnet auch Ligia Chiappini mehr als diskursive Darstellung und weniger essentiell. Unsere „neutrale“ Südbrasilianerin darf sich das durchaus rausnehmen wie wir finden. Filme und andere Werke der Ausstellung zeigen uns das. Allen voran möglicherweise Gullar als Verfasser und Verfechter des Manifesto Neoconcreto, der so was von präsent ist in zahlreichen Ausstellungsstücken. Seine Stimme aus dem Off in Joaquim Pedro de Andrades Film „Brasília, contradições de uma cidade nova“ bleibt schier einprägsam. Wichtig ist wohl eher die Konsequenz der ganzen Strömungen, nämlich der große Auftritt, den Kunst aus Brasilien im Verlauf des (modernen) 20. Jahrhunderts hinlegte und bis heute hinlegt. Jeder Künstler schafft etwas ziemlich Besonderes in dem er seine/ ihre Fähigkeiten in der Praxis umsetzt. Lygia Clark beschloss den Rahmen wegzulassen, Oiticica seine Werke in den Raum zu hängen und begehbar zu machen. Poeten manipulierten ihre Schreibmaschinen mit Farbe und Bildhauer entwickelten neue Techniken Materialien zu verarbeiten. Definitiv wird sich die Arbeit der Restaurateure in den nächsten Jahren als ziemlich schwierig gestalten. Ob die Künstler alle einfach zu lange Leben um sie als Einfluss auf zeitgenössische Kunst oder selbst als zeitgenössische Künstler zu bezeichnen, werden wir wohl so schnell nicht festlegen können. Vor allem wenn 80-Jährige sich nicht einmal vor den neuen Medien scheuen und regelmäßig ihre Blogs aktualisieren. Weiterhin hat uns die Zeit der Ausstellung gelehrt, dass Lygia Papes bichos nicht an die Decke gehangen werden sollten und man aus der Jury der Bienal in São Paulo fliegt, wenn man Kritik an Niemeyer äußert.

Und nun nochmal zu Brasília. Für Niemeyer erfüllte sich der Traum einer/s jeder/n Architektin/en – einen Entwurf zu machen, der innerhalb kürzester Zeit in die Realität umgesetzt wird. Auch Max Bense, der für einige Zeit nach Brasilien reiste, verließ sein geliebtes Rio um sich die Baustelle „Brasília“, die neue Autostadt überhaupt und Symbol für die mobile Gesellschaft, anzuschauen und Impressionen festzuhalten. Peter Zlonicky, der zum Zeitpunkt der Umsetzung des Projektes gerade seine Arbeit als Stadtplaner und Architekt in Deutschland aufnahm, erinnerte sich bei dem Vortrag am Pariser Platz an seine Faszination für die Stadt, die bis heute nicht verebbt. Mit Bildern des Congresso Nacional, aber auch niemeyerschen Projekten in São Paulo, sei es das Memorial da América Latina oder das Auditório Ibirapuera, unterstrich er seine Begeisterung für Oscars Begabung, die Form in Szene zu setzen. Im Anschluss spricht er sich dafür aus, dass wir von Brasília und Niemeyers Vorstellungen tatsächlich einiges lernen können, z.B. für zukünftige Städteplanung. Darüber macht sich im Grunde nicht nur der Bewohner Brasílias seine Gedanken, sondern jeder Mensch, der in einer großen Stadt lebt. Ein guter Freund in São Paulo stellte vor ein paar Monaten fest, die wahnsinnige Bebauung São Paulos hat uns das Recht genommen Sonnenuntergang wie -aufgang in der Stadt zu sehen. Eingegrenzt von hohen Gebäuden, müsste sich mensch ein Appartment in den oberen Etagen leisten können. Zurück zu Brasília: dass der Fleck auf der Landkarte auf dem Brasília errichtet wurde bereits zu Beginn des 19. Jh. für die neue Hauptstadt vorgesehen war, fernab der portugiesisch geprägten Küstenstädte, wussten die wenigsten Zuhörer in der Akademie der Künste. Dass der Bau Brasílias aber nur in einem größeren Kontext als Teil des nationbuildings verständlich wird, war ein Ergebnis der Diskussion. Dass Brasília sich heute doch seinen Bewohnern unterordnet, war ein weiteres Ergebnis und wurde durch Etienne vor Ort erkannt. Das Leben in der Hauptstadt ist heute stark durch Akteure geprägt, die sich die Stadt aneignen. Für mich bleibt die symbolische Bedeutung als Sitz der Regierung dennoch lebendig, wie es die regelmäßigen Demonstranten auf den großen Plätzen Brasílias suggerieren, sei es das MST oder indigene Gruppierungen, die ihren Forderungen Ausdruck verleihen indem sie ihre Zelte in der Hauptstadt aufschlagen.

Das Verständnis eines modernen Staates ist stark an die Urbanisierung geknüpft und wurde im brasilianischen Fall z.B. durch Bense beschrieben für den Brasílias Urbanität an der Oberfläche zu zerspringen drohte. Die zunehmende Bedeutung der industriellen Zentren im Verlauf des 20. Jh. geht einher mit der Eröffnung der ersten Kunstmuseen, sowie der Gründung der Bienal im Jahr 1951. Im Grunde sollten wir uns davon verabschieden in Lateinamerika eine Region zu sehen, die Europa hinterherstrebt. So sind Begriffe der “defekten” Demokratien einfach überholt und der Feststellung, dass in Europa Theorien und Ideen anhand der „Realität“ geschaffen wurden, während in Lateinamerika versucht wurde die Realität an die Theorie anzupassen, sollte kritisch nachgegangen werden. Die Theorie/Realitätsdebatte erinnert an den Begriff Gullars des não-objeto bei dem charakterisierend ist, dass das Kunstwerk einer Theorie vorangeht und nicht umgekehrt. Eine andere unserer Bemerkungen betrifft Flusser, dessen Buch den Titel „Brasilien oder die Suche nach dem modernen Menschen“ trägt. Wie ich finde sollte er sich mit Etienne kurzschließen, der auch verunsichert war, wo er denn wohne, dieser moderne Mensch. Durchaus scheitert es aber nicht an einer schwer nachvollziehbaren Adresse sondern an der Utopie des modernen Menschen per se. Somit geht es auch nicht um das Brasilianische an der Ausstellung, das einer der Zuhörer am LAI so sehr vermisste, sondern u.a. um transatlantische Verbindungen und interkulturelle Dialoge, z.B. zwischen Brasilien und der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Bei den Fragen zum intellektuellen Austausch blieben viele unbeantwortet. Mit wem verkehrte der große Autodidakt Flusser auf seiner Terrasse? Und wie sollen wir das herausbekommen? Es ist schade, wenn in Deutschland zwar Interesse für seine Kommunikations- und Medientheorien vorliegt, niemand jedoch des Portugiesischen mächtig ist um diese Theorien in ihrer Zeit zu kontextualisieren. Vice versa lässt sich die Situation der brasilianischen Flusser Fans charakterisieren. So lässt sich da bestimmt noch einiges erwarten in der kommenden Zeit. Auch Benses Essay „Brasilianische Intelligenz“ von 1965 wurde erst 2009 vom Deutschen ins Portugiesische übersetzt.

Die Aktualität der ganzen künstlerischen Werke hat mich wohl am meisten beeindruckt und ich lausche elektronischer Musik mit etwas anderen Ohren oder nehme mir vor eine Veranstaltung Gomringers Tochter Nora-Eugenie zu besuchen, eines der bekannten Gesichter der deutschsprachigen Poetry Slam Szene ist. Und dann überlege ich, wie ich auch mal in den Genuss komme, die Bienal in São Paulo zu besuchen. So wie Teresa und Etienne… Vorerst bleibt mir aber noch die Ausstellung der AdK zu argentinischer zeitgenössischer Kunst. Auch diese ist empfehlenswert!

Von Julia Ziesche

Vorträge im Oktober

October 1, 2010

Der Herbst, der Herbst, beschert uns folgende Veranstaltungen zu denen Sie herzlich eingeladen sind:

*Concretismo und Neoconcretismo – poetischer Raum in Bewegung

Donnerstag 21.10.2010, 19:00 Uhr

Ort: Forschungszentrum Brasilien im Lateinamerika Institut, Freie Universität Berlin Rüdesheimer Str. 54-56, 14197 – Berlin

Vortrag von Prof. Dr. Lígia Chiappini und Teresa Bueno

Das Bild fängt an, wenn der Betrachter kommt“

In den 50er Jahren gründet eine Gruppe von Künstlern und Dichtern den brasilianischen „Concretismo“. Sie sind inspiriert von Bildern von Mondrian und Malevitch, Skulpturen von Max Bill, der Architektur von Le Corbusier und Oscar Niemeyer, den Gedichten von Ezra Pound und James Joyce sowie der elektronischen Musik von Anton Webern.

Auch in Brasilien theoretisieren Maler und Dichter über die Funktion von Raum und Zeit in der Malerei und Poesie. Die „Concretos“ aus São Paulo kommen zu dem Schluss, dass ihre Dichtung „verbivocovisual“ sein solle. Es wird mit Wörtern und Bildern experimentiert. Diese sind nicht mehr an Seiten und Leinwände gebunden. Die Raumkompositionen ersetzen die Verse in den Gedichten, die Bilder springen aus den Wänden. Die Klänge werden zu Musik, manchmal sogar zu Schallplatten.

Einige Dichter treiben dieses Spiel so weit, dass die Wörter ganz verschwinden. Die Grenzen zwischen einer Kunst des Raumes und einer Kunst der Zeit, wie Lessing sie aufgestellt hat, werden aufgebrochen. Die so entstandene Poesie ohne Wörter führt zu einer großen Polemik.

Und damit noch nicht genug. Leser und Betrachter werden zur aktiven Teilnahme eingeladen. Alle Sinne werden von Formen, Farben und Klängen erweckt. Poesie und Kunst werden zur (neo)konkreten Performance.

Die Suche nach einem poetischen Raum in Bewegung scheint alle zu infizieren. Linien und Formen bleiben nicht mehr im Bild stehen, sondern sie vibrieren, sie füllen die Leinwände, die Räume, die Stadt. Die Hauptstadt Brasiliens wird verschoben. Die nach dem Modell eines Flugzeuges angelegte neue Hauptstadt Brasília wird im Zentrum des Landes der Zukunft als Symbol von Integration und Entwicklung gebaut.

*Brasilia: Horizonte der urbanen Zukunft bei Max Bense und Vilém Flusser – Anschließend Gespräch mit Peter Zlonicky

Freitag 29.10.2010, 19:00 Uhr

Ort: Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 – Berlin

Vortrag von Prof. Dr. Susanne Klengel

Im Jahrzehnt nach der Einweihung Brasilias, der neuen Hauptstadt (1960), konnte man in Deutschland hin und wieder faszinierte, aber auch ambivalente Reportagen und Berichte über das gewaltige urbanistische Projekt der lateinamerikanischen Moderne lesen. In meinem Vortrag sollen Brasilia-Beschreibungen aus der Feder des Stuttgarter Philosophen, Semiotikers und Schriftstellers Max Bense und des seit 1940 in Brasilien beheimateten, aus Prag stammenden jüdischen Intellektuellen Vilém Flusser verglichen werden. Beide sehen in Brasilia ein urbanes Projekt, das auf die “Stadt der Zukunft” verweist: für Bense ein Produkt der “brasilianischen Intelligenz”, ein System, konsequentes Gesamtdesign und visuelles Ereignis, für Flusser dagegen ein maßloser “Apparat”, eine Maschine, die den Typus des “Funktionärs” hervorbringt und begünstigt. Für beide Autoren ist die alte Hauptstadt Rio de Janeiro ein melancholischer Fluchtpunkt des Vergangenen. Doch Benses Blick ist, wie sein Text selbst, eher auf die konstruktivistische Dimension Brasilias gerichtet, der er durchaus etwas abgewinnt. Flusser dagegen sieht Brasilia mit ambivalentem Gefühl als Wiege des “neuen Menschen”, den er im vermeintlich „geschichtslosen Raum“ Brasiliens ansiedelt.

Einen Tag nach der Eröffnung gab Sônia Salzstein einen Vortrag in der AdK auf den eine Diskussionsrunde mit Waltercio Caldas, ihr, Robert Kudielka, Luiz Camillo Osorio, Michael Asbury, Iole de Freitas, Carla Guagliardi und Carlos Bevilacqua folgte.

Die vordergründige Frage, die in meinen Augen nicht in zwei Stunden beantwortet werden kann, ist die nach der Existenz einer modernen/zeitgenössischen brasilianischen Kunst. Ohne diese Frage von Beginn an abzulehnen, weil sie im Sinne der universalistischen Ansprüche der neoconcretistas möglicherweise hinfällig ist, versuchen wir zu verstehen in welche Richtung die Argumente gehen. Was bietet sich besser an, als mit brasilianischen Künstlern, bzw. Künstlern aus Brasilien, dieser Frage nachzugehen? Was tun sie und wie beschreiben sie dies? Waltercio ist ziemlich überzeugt, dass es keine brasilianische Kunst gibt, wie es auch keine brasilianische Mathematik gibt. Andere Künstler_innen hingegen waren überzeugter, dass es so etwas wie einen Einfluss anderer Künstler_innen aus Brasilien auf ihre Werke gibt. Dieses Gefühl trete für Carlos bestärkt im Ausland auf (welch anthropologische Erfahrung!). Wie Sônia es darstellte, ist die brasilianische Kunst der 50er und 60ern lange Zeit unbekannt geblieben, d.h. weniger rezipiert im Vergleich zu den Entwicklungen um 1922, die der brasilianischen Nation Ausdruck verliehen, wie es Kunsttheoretiker eingeimpft bekamen und weiter einimpften. Eine Diskussion, die bereits ziemlich durchgekaut wurde und selbst Michael Asbury langweilt: die Verbindung von Identität, Zukunft und Fortschritt. Sônia spricht von einer retrospektiven Täuschung in historisch konzipierten Ausstellungen, die bevorzugt die Kunst ab 1922 fokussierten und erst in den letzten Jahren auch spätere zeitgenössische Werke der 50er und 60er aufgreifen, die nicht ins nationale Konstrukt passten. Waltercio stimmte Sônias Beobachtung der Unbekanntheit zu und sieht in der nun aufgekommenden Auseinandersetzung mit der Kunst ab den 1950ern eben auch die Gefahr missverstanden zu werden. Im Grunde lies die Reaktion Kudielkas auf Sônias Vortrag fasst schon auf ein Missverständnis schließen, welches aber schnell im Dialog ausgeräumt wurde. Ihr Ansatz der „Geschichtlichkeit“ (historicity) sei keinesfalls ein Versuch der brasilianischen zeitgenössischen Kunst eine historische Legitimierung zuzusprechen. Luiz wies darauf hin, dass das in Europa so verbreitete geschichtliche Verständnis der Epochen in Brasilien zweit- wenn nicht sogar drittrangig ist. Es spielt einfach keine entscheidende Bedeutung. Sônia ist es wiederum wichtig, aufzuzeigen, dass die Moderne in Brasilien, die sich von Vorstellungen in Europa unterschied (wir wiederholen es noch einmal Herr Asbury), mit den Werken der 50er und 60er und von heute neu gedacht werden müsste. Dass es eben auch nicht eine brasilianische Moderne gibt. Da wird die Sache schon spannender.

Doch was ist nun das besondere an Brasilien? Worauf sprangen Flusser, Bense und Zweig bei ihrer Beschäftigung mit Brasilien an? Wo spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen, Brüche und Diskontinuitäten wider? Kudielka würde an dieser Stelle womöglich den Begriff der Geschichtlichkeit erneut aufgreifen, der Umstände beschreibt, auf die wir kaum einen Einfluss nehmen können, dennoch von ihnen geprägt werden, z.B. beim kreativen Schaffen. Oder er erinnert an den Begriff des „double conciousness“ von Du Bois. Carla beschreibt wie sie häufig durch das Attribut „brasilianische Künstlerin“ nicht mehr mit französischen oder britischen Künstlern verglichen wird, sondern einer anderen Schublade zugeordnet wird. Doch erkenne ich, dass ich im Saal 3, dem zeitgenössischen Teil der Ausstellung stehe, und die Werke brasilianischer Künstler betrachte? Sehe ich einen Unterschied zu einer Ausstellung zeitgenössischer belgischer Künstler im Museum van Hedendaagse Kunst in Antwerpen?

Dennoch schwebt der durch Frau Klengel geschilderte harmonische Eindruck sowie das sehr präsente brasilianische Aushängeschild (den Caipirinha Stand zur Eröffnung will ich nicht überbewerten) über der Ausstellung. Der Katalog ist somit von entscheidender Bedeutung um der Harmonie den Wind aus den Segeln zu nehmen. So wird beispielsweise durch diesen und das Konzept der Ausstellung der Mythos der Rivalitäten zwischen São Paulos concretistas und Rios neoconcretistas doch zu klitzekleinen Divergenzen schrumpfen. Weiterhin wirkt Sônias eingeführtes Oxymoron des „universalistischen Nationalismus“ sehr passend für die Besonderheiten und Ansprüche der brasilianischen Kunst ohne sie auf den nationalen Kontext zu reduzieren. Auch ich bin neugierig auf ihre Eindrücke!

Von Julia Ziesche

Ordnung im Dienste des Chaos

September 4, 2010

Introducing art work of, from or about the idea of the city of Brasilia is not easily seperable of an already mentioned fingerprint of architecture.

Lucios and Oscars ideas and concepts of an urban utopia are spread all over Brasilia`s  plano piloto like hyperdimensional fingerprints. Behind these traces concepts of brazilian modernity, as we can see them these days in art exhibition O desejo da forma in Berlin (close to an area as well designed by Oscar) ideas about people and spaces and other messages are hidden. Regarding this image of fingerprints we are pleased to introduce another young artist`s adorable work. The approach to Brasilia is maybe more concrete than it seems to at first glance

Te fingerprint alphabet of Cristian Forte is refering to those apparently organized ideas of the relation between people and the spaces that surround them – a more than obvious vision we can find in Brasilia`s architecture. Looked at more closely, though, we are able to discover an unimaginable chaos behind order and plans, aspects that can be found in Cristians work.

I got to know Cristian when he was playing a concert in Berlin and we started talking about his work and the possible linkages between Berlin, Brasilia and this blog Project. His fingerprint alphabet impressed me more than anything and didn`t give me peace of mind for a long time.

For me his work tries to discover and make tangible the relation between order and chaos, where our fingerprints, marking our environment, and the urban spaces around marking us, can be seen as linkages and combination spots, a disruptive game that rearranges these relations. Our concrete environment becomes legible, associative spaces tangible.

Have a look!

Es gestaltet sich mitunter schwierig Kunst über, aus und von Brasilia aus wahrzunehmen und zu verstehen ohne den bereits erwaehnten architektonischen Fingerabdruck übergestülpt zu bekommen. Lucios und Oscars Ideen und Konzepte einer Stadt als Utopie verteilen sich über den plano piloto Brasìlias; treffen in Berlin dort ein, wo momentan Neoconcrete Kunst zu sehen ist, wie überdimensionale Fingerabdrücke hinter denen Ideen, Konzepte und vor allem Botschaften versteckt sind. Eine herausragende Arbeit wollen wir Ihnen diesbezüglich heute vorstellen. Der Bezug zu Brasilia ist eher indirekt, assoziativ, vielleicht jedoch sogar ganz konkret!

Das Fingerabdruckalphabet von Cristian Forte, den wir Ihnen heute vorstellen, nimmt konkret Bezug zu dieser scheinbar geordneten Vorstellung von Mensch und Raum – eine Vorstellung die auch in Brasìlia spuerbar wird. Hinter dieser Ordnung kann sich bei genauerem Hinsehen ein Chaos unschaetzbarer Reichhaltigkeit verbergen, wie Cristians  Arbeit versucht zu beschreiben.

Ich lernte Cristian auf einem seiner Konzerte in Berlin kennen. Wir tauschten uns über  unsere Arbeit und die moeglichen Verknüpfungspunkte zwischen Berlin, Brasilia und diesem Blogprojekt aus. Besonders eindrucksvoll erschien mir das Alphabet, das Cristian entworfen hat. In seiner Arbeit verbirgt sich für mich die spannende Idee Fingerabdrücke, die wir um uns herum hinterlassen und urbane Raeume, die in uns Spuren hinterlassen, als Spiel- und Kombinationspunkte zu sehen, in denen Ordnung und Chaos, das Verhaeltnis von Mensch und Umwelt zu wandern beginnen. Konkrete Umwelt wird lesbar, assoziativer Raum begreifbar.

Aber sehen Sie selbst!

El orden al servicio del caos

El Alfabeto de Impresión Dactilar se ha sistematizado del siguiente modo :

A cada una de las huellas  dactilares de las manos se le ha asignado una serie de vocales, consonantes y signos de puntuación, exclamación e interrogación. Las vocales y consonantes utilizadas son las del alfabeto en español. A cada uno de los dedo de las manos le fueron asignadas 3 posiciones, entre la mano derecha e izquierda suman en total 30 posiciones.

En el caso de la mano derecha a los dedos meñique, anular, mayor e índice les corresponden las posiciones :

Vertical arriba

Diagonal izquierda arriba

Horizontal izquierda

Mientras que al pulgar derecho le corresponden las posiciones :

Horizontal izquierda

Diagonal izquierda abajo

Vertical abajo

En el caso de la mano izquierda al dedo meñique, anular, mayor e índice les corresponden las posiciones :

Vertical arriba

Diagonal derecha arriba

Horizontal derecha

Mientras que al pulgar izquierdo le corresponden las posiciones :

Horizontal derecha

Diagonal derecha abajo

Vertical abajo

El alfabeto de impresiones dactilares nos permitirá escribir poemas, ensayos o cartas de amor con un estilo muy personal.

También podríamos descubrir miles de mensajes ocultos sobre cualquier objeto sensible a nuestras caóticas  huellas.

¿A observado que augura su taza de café esta mañana?

¿Qué nos anuncia el cristal de la ventanilla en el vagón del subte?  O… ¿Qué nos dicen las huellas de quienes han tocado un piano desafinado, un revolver, el espejo de un baño público, o la fría vidriera de un centro comercial?

Order at the chaos` service

The finger print alphabet has been arranged as followed :

To each fingerprint of both hands there has been assinged a series of voals, consonants and punctuation marks, exclamation and question marks. The voals and consonantes derive from the spanish alphabet. Every finger of each hand appears in 3 different positions, in order to produce a system of 30 different positions, 15 for each hand.

For the right hand the following positions are assigned to each finger except the thumb :

Upright

Diagonal up left

Horizontal left

Whereas to the right hand`s thumb the following positions are related :

Horizontal left

Diagonal down left

Vertical down

To the left hand the following positions are assigned to each finger except the thumb:

Vertical upright

Diagonal up right

Horizontal right

Whereas to the left hand`s thumb the following positions are related :

Horizontal right

Diagonal down right

Vertical down

The finger print alphabet allows us to create poems and essays, write love letters with a special personal touch.

It s possible as well to discover thousands of hidden messages on any tangible object around us, due to our chaotic finger prints.

Have you checked this morning what your coffee cup predicts for today ?

What does the subway’s window glasses tell us ? Or… What does the fingerprints of those who played a piano out-of-tune, touched a revolver, a mirror of a public bathroom or the cold stained glass window of the shopping mall tell us ?

Eröffnung

September 1, 2010

Morgen Donnerstag dem 2.September um 19 Uhr eröffnet die Ausstellung. Der Eintritt ist frei.

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio

Eröffnung mit Bernd Neumann, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, und Everton Vieira Vargas, Botschafter von Brasilien. Es wird eine Einführung in die Ausstellung (dt./engl.) von Robert Kudielka und Luiz Camillo Osorio geboten. Wir freuen uns. Am Sonntag dem 5.September ist der Eintritt ebenfalls kostenlos und um 11 Uhr findet eine Führung statt.

O Desejo da Forma

August 23, 2010

Caros leitores e leitoras deste Blog, a tão aguardada abertura da exposição o “Desejo da Forma” está chegando… Pra já ter um gostinho vocês podem dar uma olhada na página Web da exposição: http://adk.de/brasilien/index.htm ou no documento “Flyer” em baixo. Divirtam-se… e nos vemos por lá.

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Liebe Teilnehmer(innen) von diesem Blog, die erwartet Anfang der Ausstellung “Das Verlangen Nach Form” rückt näher, und in den Genuss zu kommen kann man schon unter: http://adk.de/brasilien/index.htm die Webseite der Ausstellungs ansehen. Oder der Flyer.

De/Von Teresa Bueno

Gullar – cut & read

July 28, 2010

Today we are actually not sure how to describe what we would like to talk about. Neither performing poetry nor poetic performance, but something quiet interactive and important to understand the intentions of arte neoconcreta. At least is has an easy name: livro-poema – poem book. We found ourselves rethinking over and over whether to cut pages out of the books or not, because this was supposedly the proper use. Finally, we decided not to cut books that weren’t even our property but to make a more or less equal copy and let others of the project group join us. The result, at least in our opinion, was some passionate cutting and poem reading and a better idea of what arte neonconcreta conveys.

Reasoning with his poem verde erva which was inspired by a park Gullar visited in Alcântara, Maranhão, he annotates the writing of his first livro-poema. The word verde appears three times in four lines, and thus followed by the word erva after the last verde. One of his friends had admitted not reading word by word of the poem which to Gullar meant not capturing the whole idea of his poem. In consequence he wrote his first livro-poema, a book with one word per page obligating the reader to read each word after the other. Additionally, the reader was encouraged to terminate the poem himself, cutting along the dashed lines which offer an enhanced reading of the text.

Cutting

Heute möchten wir über etwas schwer zu Beschreibendes berichten. Es ist weder performative Poesie noch poetische Performance, dennoch ist es interaktiv und vermittelt sehr gut die Absichten der arte neoconcreta. Zumindest der Name ist simpel: livro-poema – Gedichtbuch. Wir befanden uns in der misslichen Lage drauf und dran zu sein, dass aus der Bibliothek ausgeliehene Buch zu zerschneiden, wie es durch den Autor verlangt wurde. Um keinen Ärger zu bekommen, haben wir einfach Kopien erstellt und im Projektkurs einige Teilnehmer aufgefordert entlang der gestrichelten Linien zu schneiden. Das Ergebnis kann sich unserer Meinung nach sehen lassen und so hat jeder verstanden, was der neoconcretismo erreichen will.

Gullar selbst beschreibt anhand des Gedichtes verde erva, für welches ihn eine Grünanlage in Alcântara, Maranhão inspirierte, wie das erste livro-poema entstand. Das Wort verde wird in vier Zeilen jeweils dreimal ausgeschrieben. An das letzte verde schließt das Wort erva an. Bei einem Gespräch gestand einer seiner Freunde ein, sein visuelles Gedicht nicht Wort für Wort gelesen zu haben was in Gullars Augen hieß, das Gedicht nicht richtig erfasst zu haben. Daraufhin entwickelte er seine livro-poemas, in denen je ein Wort pro Seite auftaucht, was bewirkte, das der Leser tatsächlich jedes Wort für sich laß. Hinzu kam das Ausschneiden entlang gestrichelter Linien, welche in ihrer Form eine erweiterte Lesart des Gedichtes  ermöglichen.

By/Von Julia Ziesche

Today we are hoping to inform you better about what we’ve learned in the past weeks starting with embedding neoconcretismo historically which should only be considered a grain of truth as it is just one interpretation. We are grateful for comments or corrections!

The often ridiculed rivalry between São Paulo and Rio de Janeiro, between paulistas and cariocas, plays an important role in the development from concretismo to neoconcretismo. In his book Gullar recounts vividly Experiência Neoconcreta his personal standpoint and his first meeting with the Grupo Noigandres which members were Augusto and Haroldo de Campos and Décio Pignatari, the latter being a part of the exhibition in den Akademie der Künste we are waiting for in Berlin. The collaboration for article publication and exhibition was very fruitful, although it terminated with a separation from the group by Gullar who had found too many discrepancies. Although Gullar valorized the work of the others that were enough reasons for the separation. Gullar prepared an exhibition together with six other artists in Rio de Janeiro whose opening on 23 March 1959 in the Museu de Arte Moderna was preceded in the morning by the publication of the Manifesto Neoconcreta in the Suplemento Dominical do Jornal do Brasil. The group of signees who did not consider themselves as a group were: Amílcar de Castro, Franz Weissmann, Lygia Clark, Lygia Pape, Reynaldo Jardim and Theon Spanúdis.

For them, the differentiation from the Grupo Ruptura that supported concrete ideas of art around Waldemar Cordeiro was fundamental. In addition, an impending article of the Grupo Noigandres that was going to manifest mathematical principles as the basis for poetry, although they have never been fulfilled in the eyes of Gullar, encouraged him stating his opposing views.

Gullar and his friends especially disliked the rational and positivistic ideas of concretismo. They were disturbed by the terminology of art critics principally based on the natural sciences and prescribing artists theories on how to do art. A piece of art was neither an object or a machine, but instead a being that transcended its materiality. Geometric forms were vehicles of imagination and nothing mechanically or physically definable. The connection between art and its spectator was upheld by the neoconcretistas, as Lygia Clark later on remarkably involved in her collective art experiences. She made everyone an artist, being part of art, as might be presented in the AdK in September. The neoconcretismo group exhibited again in 1960 and 1961 before the slow parting of its artists.

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Heute wollen wir eine historische Kontextualisierung wagen. Selbstverständlich kann unsere Darstellung nicht als die Wahrheit festgehalten werden, sondern stellt eine mögliche Interpretation dar. Wir freuen uns über Ergänzungen und Korrekturen.

Die noch immer präsente, meist mit einem Lächeln beschriebene Rivalität zwischen São Paulo und Rio de Janeiro, paulistas und cariocas, sollte auch Katalysator für das Hervorgehen des neoconcretismo aus dem concretismo seien. In seinem Buch  Experiência Neoconcreta beschreibt Gullar ausführlich seine persönliche Sicht auf die Dinge und sein erstes Zusammentreffen mit den paulistas Augusto und Haroldo de Campos und Décio Pignatari, letzterer ebenfalls Teil der Ausstellung in der Akademie der Künste, die als Grupo Noigandres bekannt sind. Die Zusammenarbeit in Form von Artikeln und Ausstellungen trug Früchte, die jedoch nach einiger Zeit an Geschmack einbüßten. Gullar, der die Arbeit der anderen sehr schätzte, entdeckte mehr und mehr Diskrepanzen, die ihn veranlassten, eine andere Richtung einzuschlagen, die er in einer Ausstellung in Rio de Janeiro deutlich machen wollte. Am 23. März 1959 veröffentlichte Gullar in der Literaturbeilage Suplemento Dominical do Jornal do Brasil das Manifesto Neoconcreto, der Tag der Eröffnung der Primeira Exposição de Arte Neoconcreta im Museu de Arte Moderna in Rio, welches sich selbst als das Zentrum des neoconcretismo versteht. Unterzeichner sind sechs weitere Künstler aus Rio de Janeiro, die sich jedoch selbst nicht als Gruppe bezeichnen: Amílcar de Castro, Franz Weissmann, Lygia Clark, Lygia Pape, Reynaldo Jardim und Theon Spanúdis.

Wichtig ist Ihnen die Abgrenzung zur Grupo Ruptura um Waldemar Cordeiro, die in São Paulo den concretismo propagierte und zu den Vorstellungen der Grupo Noigandres, die kurz davor stand einen Artikel zu veröffentlichen, der die Mathematik als Grundlage für das Schreiben von Poesie manifestierte – eine Vorstellung, die zwar laut Gullar nie in die Tat umgesetzt wurde, jedoch abschreckend genug war, sich von solchen Aussagen zu distanzieren.

Vor allem die rationale und positivistische Sichtweise der concretistas mißfiel Gullar und seinen Freunden. Sie lehnten die damals an Naturwissenschaften angelehnten Begriffe der Kunsttheorie ab, die anhand anhand solcher untragbaren Theorien bestimmte wie ein Künstler sein Werk zu schaffen habe. Das Werk war für die neoconcretistas weder Objekt noch Maschine, sondern ein Wesen, welches seine Materialität transzendierte. Geometrische Formen stellten Vehikel der Imagination dar und keine mechanischen oder physischen Festlegungen. Für sie sollte der Betrachter und das Werk wieder eine starke Bindung eingehen, wie es später durch Lygia Clark auf die Spitze getrieben wurde, die über den einzelnen Betrachter hinaus, kollektiv Kunstwerke erschaffen ließ, die jeden zum Künstler machten, wie sie wohl auch in der Austellung in der AdK zu sehen sein werden. Es folgten noch zwei weitere Ausstellungen in den Jahren 1960 und 1961 an die sich im Anschluß die Gruppierung langsam auflöste.

By/Von Julia Ziesche