Wer kann sich noch an unseren Beitrag vom 30.August 2010 erinnern? Wir haben im August den Fotografen Leonardo Wen vorgestellt und haben soeben erfahren, dass sein zweites Fotobuch über Brasília in die Läden kommt. Leonardo Wen hat einfach bei den Bewohnern der Häuser des Straßenblocks “superquadra 108 Sur” in Brasília an der Tür geklingelt, die 1960 zu den ersten eröffneten Wohngebäuden gehörten. Er wollte wissen, was die Personen aus und in dem Raum nach 50 Jahren hervorgebracht haben, der ihnen im Namen der Moderne vorgesetzt wurde und in diesem Fall auch durch Oscar Niemeyer konzipiert wurde. Ein Großteil der Wohnungen wurde bereits saniert, dennoch gelang es Wen einige Appartements noch in ihrem Originalzustand zu fotografieren. Auch einige Bewohner gehören noch zur “Originalausstattung”, denn als Regierungsmitarbeiter wurden sie damals nach Brasília versetzt und haben die Planstadt seit dem nicht mehr verlassen. Wer mehr wissen möchte findet hier einen portugiesischen Artikel über Wens neuestes Werk, der auch einige der Fotos zur Verfügung stellt. Im Buch selbst werden Wens Fotografien vermischt mit Archivbildern aus den Jahren der Konstruktion, Stadtplanungskarten und Interviews der Bewohner. In unseren Augen mit Sicherheit eine zauberhafte Arbeit nicht nur für Kenner der Stadt.

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Auf den Spuren…

September 20, 2011

Obwohl bereits einige Monate verstrichen sind, bleibt’s zeitgenössisch: hier ein paar persönliche Erinnerungen an einen beeindruckenden Besuch in Minas Gerais, eigentlich der brasilianische Bundesstaat, der für Käse, Cachaça und Goldminen bekannt ist.

Aber auch Freunde der Architektur und Kunst bekommen den Mund nicht zu. Belo Horizonte, Hauptstadt und im Zentrum ziemlich straff durchgeplant was das Verlaufen unmöglich werden lässt, überraschte mich zunächst ganz unverhofft mit einem kurvigen Gebäude am Praça da Liberdade, welches, wie sollte es anders sein, von Niemeyer entworfen wurde.

Außerdem lädt die Stadt ein zu einem Besuch an der Lagoa da Pampulha. Entweder man wirft einen Blick auf eines der großen Stadien, die bereits für die WM umgerüstet werden oder man macht sich sofort auf den Weg entlang der “Lagune”, die genauso gut, nach Oscar Niemeyer benannt werden könnte. Von der Igreja São Francisco de Assis, vorbei am von Oscar konzipierten Yachtclub (früher öffentlicher, heute privater Club) und vielen luxuriösen Häusern, auf die wir dank der hohen Mauern nicht so richtig neidisch werden, erreichen wir das Casa do Baile – früher ein wunderschönes Tanzrestaurant – mittlerweile ein wunderschöner Ausstellungsort, der durch eine Kulturstiftung genutzt wird. Wer willig ist, sollte sich auf jeden Fall noch auf den Weg bis zum Museu de Arte da Pampulha machen. Mein Tipp: vorher schauen, ob das Museum gerade geöffnet ist, oder nur der Umbau für die nächste Ausstellung stattfindet.

Auch der Tagesausflug nach Inhotim ist mittlerweile kein Geheimtipp mehr, hat jedoch noch nicht seinen Reiz verloren. Die doch sehr polemische Entstehung dieses riesigen Natur-Kunst-Outdoor-Spielplatz lässt sich kaum beschreiben. Die Idee ist, die Besucher auf ihren Wegen durch den Botanischen Garten über zeitgenössische Kunst stolpern zu lassen und sie in eine der 17 Galerien zu locken. Wer will kann in der Galerie Cosmococa (Schuhe ausziehen!) entweder in Hélio Oiticicas Swimmingpool hüpfen oder in der Hängematte baumelnd Jimmy Hendrix hören. Einfach großartig. Und würde ich jetzt weiter erzählen, wer ich morgen noch nicht fertig. Deshalb einfach noch ein paar Fotos und die Empfehlung irgendwann selbst vorbei zuschauen.

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/von Julia Ziesche

Première Brasil

December 6, 2010

Filme des Festival do Rio 2010 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu sehen

Das lässt sich nur empfehlen:

Filme

Oscar Niemeyer, a vida é um sopro

Donnerstag 09.12.2010, 19h

Freitag 17.12.2010, 20h

Urubus têm asas + O risco: Lúcio Costa e a utopia moderna

Samstag 11.12.2010, 14h

Freitag 17.12.2010, 22h

Panel

Architektur und Moderne in Brasilien (auf Portugiesisch mit dt. Übersetzung)

Samstag 11.12.2010, 16h

Die Regisseure Karim Aïnouz, Ana Maria Magalhães und Fabiano Maciel im Gespräch mit dem Architekten Pedro Moreira. Moderation: Ilda Santiago

Fabiano Maciel (* 1965 in Porto Alegre) ist Regisseur, Produzent und Drehbuchautor und hat sich auf Dokumentarfilme spezialisiert. Sein dokumentarischer Essay über die Reaktion einer kleinen brasilianischen Gemeinde auf die Mondlandung der Apollo 11 sorgte auf diversen Festivals für Aufsehen und wurde auch im New Yorker MoMA aufgeführt. „Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch (A Vida é um Sopro)“ ist Maciels erster Kino-Dokumentarfilm, an dessen Realisierung er zehn Jahre arbeitete.

Pedro Moreira (Jg. 1965) ist Architekt und Bauhistoriker mit Sitz in Berlin und São Paulo. Er hat sich in zahlreichen Arbeiten mit Architektur und Städtebau in Deutschland und Südamerika und den internationalen Einflüssen der Moderne auseinandergesetzt.
Karim Aïnouz (* 1966 in Fortaleza) ist einer der bekanntesten und innovativsten Regisseure Brasiliens. Er studierte Architektur und Filmwissenschaft. Der Spielfilm „Madame Satã“ (2002) bedeutete seinen Durchbruch als Regisseur. Die Erzählung über den exzentrischen Tänzer, Sänger und Transvestiten João Francisco dos Santos erlebte ihre Uraufführung bei den Filmfestspielen in Cannes und wurde auf zahlreichen internationalen Festivals ausgezeichnet. Karim Aïnouz lebt zur Zeit in Berlin.
Ana Maria Magalhães (* 1950 in Rio de Janeiro) ist eine der bekanntesten und wichtigsten Schauspielerinnen Brasiliens und hat in den Filmen vieler berühmter brasilianischer Regisseure mitgespielt, von „Girl from Ipanema“ (Leon Hirszman) zu „Das Alter der Erde“ von Glauber Rocha, etc. In den späten 1970er-Jahren führte sie für die Dokumentation „Mulheres de Cinema“ (Frauen im Film) erstmals selbst Regie und drehte danach mehrere Kurzfilme. In der Folge widmete sie sich in zwei Dokumentarfilmen dem Leben und Werk des Architekten und Stadtplaners Affonso Eduardo Reidy.

Mehr Infos finden Sie unter: http://www.hkw.de/de/programm/2010/premiere_brasil_52390/projekt_detail.php

An diesem Sonntag an dem die Ausstellung zum letzten Mal ihre Türen öffnet, wollten wir einige Gedankengänge festhalten. Dieser vorerst letzte große Eintrag unsererseits, mag ihnen möglicherweise ein wenig konfus erscheinen. Das liegt dann aber schon an den Eindrücken und nicht an uns! Durchaus konnten nicht all unsere Fragen verfolgt, sondern witzigerweise eher neue Zusammenhänge aufgeworfen werden. Die große Diskussion der Einflüsse und Meinungsverschiedenheiten der concretistas aus Sao Paulo und neoconcretistas aus Rio de Janeiro, bezeichnet auch Ligia Chiappini mehr als diskursive Darstellung und weniger essentiell. Unsere „neutrale“ Südbrasilianerin darf sich das durchaus rausnehmen wie wir finden. Filme und andere Werke der Ausstellung zeigen uns das. Allen voran möglicherweise Gullar als Verfasser und Verfechter des Manifesto Neoconcreto, der so was von präsent ist in zahlreichen Ausstellungsstücken. Seine Stimme aus dem Off in Joaquim Pedro de Andrades Film „Brasília, contradições de uma cidade nova“ bleibt schier einprägsam. Wichtig ist wohl eher die Konsequenz der ganzen Strömungen, nämlich der große Auftritt, den Kunst aus Brasilien im Verlauf des (modernen) 20. Jahrhunderts hinlegte und bis heute hinlegt. Jeder Künstler schafft etwas ziemlich Besonderes in dem er seine/ ihre Fähigkeiten in der Praxis umsetzt. Lygia Clark beschloss den Rahmen wegzulassen, Oiticica seine Werke in den Raum zu hängen und begehbar zu machen. Poeten manipulierten ihre Schreibmaschinen mit Farbe und Bildhauer entwickelten neue Techniken Materialien zu verarbeiten. Definitiv wird sich die Arbeit der Restaurateure in den nächsten Jahren als ziemlich schwierig gestalten. Ob die Künstler alle einfach zu lange Leben um sie als Einfluss auf zeitgenössische Kunst oder selbst als zeitgenössische Künstler zu bezeichnen, werden wir wohl so schnell nicht festlegen können. Vor allem wenn 80-Jährige sich nicht einmal vor den neuen Medien scheuen und regelmäßig ihre Blogs aktualisieren. Weiterhin hat uns die Zeit der Ausstellung gelehrt, dass Lygia Papes bichos nicht an die Decke gehangen werden sollten und man aus der Jury der Bienal in São Paulo fliegt, wenn man Kritik an Niemeyer äußert.

Und nun nochmal zu Brasília. Für Niemeyer erfüllte sich der Traum einer/s jeder/n Architektin/en – einen Entwurf zu machen, der innerhalb kürzester Zeit in die Realität umgesetzt wird. Auch Max Bense, der für einige Zeit nach Brasilien reiste, verließ sein geliebtes Rio um sich die Baustelle „Brasília“, die neue Autostadt überhaupt und Symbol für die mobile Gesellschaft, anzuschauen und Impressionen festzuhalten. Peter Zlonicky, der zum Zeitpunkt der Umsetzung des Projektes gerade seine Arbeit als Stadtplaner und Architekt in Deutschland aufnahm, erinnerte sich bei dem Vortrag am Pariser Platz an seine Faszination für die Stadt, die bis heute nicht verebbt. Mit Bildern des Congresso Nacional, aber auch niemeyerschen Projekten in São Paulo, sei es das Memorial da América Latina oder das Auditório Ibirapuera, unterstrich er seine Begeisterung für Oscars Begabung, die Form in Szene zu setzen. Im Anschluss spricht er sich dafür aus, dass wir von Brasília und Niemeyers Vorstellungen tatsächlich einiges lernen können, z.B. für zukünftige Städteplanung. Darüber macht sich im Grunde nicht nur der Bewohner Brasílias seine Gedanken, sondern jeder Mensch, der in einer großen Stadt lebt. Ein guter Freund in São Paulo stellte vor ein paar Monaten fest, die wahnsinnige Bebauung São Paulos hat uns das Recht genommen Sonnenuntergang wie -aufgang in der Stadt zu sehen. Eingegrenzt von hohen Gebäuden, müsste sich mensch ein Appartment in den oberen Etagen leisten können. Zurück zu Brasília: dass der Fleck auf der Landkarte auf dem Brasília errichtet wurde bereits zu Beginn des 19. Jh. für die neue Hauptstadt vorgesehen war, fernab der portugiesisch geprägten Küstenstädte, wussten die wenigsten Zuhörer in der Akademie der Künste. Dass der Bau Brasílias aber nur in einem größeren Kontext als Teil des nationbuildings verständlich wird, war ein Ergebnis der Diskussion. Dass Brasília sich heute doch seinen Bewohnern unterordnet, war ein weiteres Ergebnis und wurde durch Etienne vor Ort erkannt. Das Leben in der Hauptstadt ist heute stark durch Akteure geprägt, die sich die Stadt aneignen. Für mich bleibt die symbolische Bedeutung als Sitz der Regierung dennoch lebendig, wie es die regelmäßigen Demonstranten auf den großen Plätzen Brasílias suggerieren, sei es das MST oder indigene Gruppierungen, die ihren Forderungen Ausdruck verleihen indem sie ihre Zelte in der Hauptstadt aufschlagen.

Das Verständnis eines modernen Staates ist stark an die Urbanisierung geknüpft und wurde im brasilianischen Fall z.B. durch Bense beschrieben für den Brasílias Urbanität an der Oberfläche zu zerspringen drohte. Die zunehmende Bedeutung der industriellen Zentren im Verlauf des 20. Jh. geht einher mit der Eröffnung der ersten Kunstmuseen, sowie der Gründung der Bienal im Jahr 1951. Im Grunde sollten wir uns davon verabschieden in Lateinamerika eine Region zu sehen, die Europa hinterherstrebt. So sind Begriffe der “defekten” Demokratien einfach überholt und der Feststellung, dass in Europa Theorien und Ideen anhand der „Realität“ geschaffen wurden, während in Lateinamerika versucht wurde die Realität an die Theorie anzupassen, sollte kritisch nachgegangen werden. Die Theorie/Realitätsdebatte erinnert an den Begriff Gullars des não-objeto bei dem charakterisierend ist, dass das Kunstwerk einer Theorie vorangeht und nicht umgekehrt. Eine andere unserer Bemerkungen betrifft Flusser, dessen Buch den Titel „Brasilien oder die Suche nach dem modernen Menschen“ trägt. Wie ich finde sollte er sich mit Etienne kurzschließen, der auch verunsichert war, wo er denn wohne, dieser moderne Mensch. Durchaus scheitert es aber nicht an einer schwer nachvollziehbaren Adresse sondern an der Utopie des modernen Menschen per se. Somit geht es auch nicht um das Brasilianische an der Ausstellung, das einer der Zuhörer am LAI so sehr vermisste, sondern u.a. um transatlantische Verbindungen und interkulturelle Dialoge, z.B. zwischen Brasilien und der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Bei den Fragen zum intellektuellen Austausch blieben viele unbeantwortet. Mit wem verkehrte der große Autodidakt Flusser auf seiner Terrasse? Und wie sollen wir das herausbekommen? Es ist schade, wenn in Deutschland zwar Interesse für seine Kommunikations- und Medientheorien vorliegt, niemand jedoch des Portugiesischen mächtig ist um diese Theorien in ihrer Zeit zu kontextualisieren. Vice versa lässt sich die Situation der brasilianischen Flusser Fans charakterisieren. So lässt sich da bestimmt noch einiges erwarten in der kommenden Zeit. Auch Benses Essay „Brasilianische Intelligenz“ von 1965 wurde erst 2009 vom Deutschen ins Portugiesische übersetzt.

Die Aktualität der ganzen künstlerischen Werke hat mich wohl am meisten beeindruckt und ich lausche elektronischer Musik mit etwas anderen Ohren oder nehme mir vor eine Veranstaltung Gomringers Tochter Nora-Eugenie zu besuchen, eines der bekannten Gesichter der deutschsprachigen Poetry Slam Szene ist. Und dann überlege ich, wie ich auch mal in den Genuss komme, die Bienal in São Paulo zu besuchen. So wie Teresa und Etienne… Vorerst bleibt mir aber noch die Ausstellung der AdK zu argentinischer zeitgenössischer Kunst. Auch diese ist empfehlenswert!

Von Julia Ziesche

Impressionen aus Brasília

October 28, 2010

Impressionen aus Brasília

Es ist 02:00 morgens und ich stehe in der Mitte eines Flugzeugs. Endstation Menschheit, ein Ort, der eher mich platziert, als dass ich ihn frequentiere. Es sieht aus wie auf dem Mond, nachdem die Erde unbewohnbar geworden ist, bleibt uns die Erinnerung an sie in Form der Reste menschlichen Denkens. Auf seiner eloquentesten Stufe..

Was heißt es wenn der Mensch in Szene gesetzt wird? Wenn die Formen um mich herum vorgeben, wie und unter welchen Bedingungen meine Wahrnehmung funktioniert.

Ich will versuchen Ihnen von hier aus einen Eindruck zu geben.

Ich schreibe ihnen aus einer Vergangenheit, die dennoch in der Zukunft zu liegen scheint. Brasília, Hauptstadt eines Traumes. Der Traum vom besseren Menschen. Als ich neulich von Brasília erzaehlte, davon wie begeistert ich von dieser schlicht unvorstellbaren Nichtigkeit der eigenen Existenz sei, davon wie sehr sich die Idee der Stadt als Form fuer das Verstehen beginnt bei mir in Fleisch und Blut ueberzugehen, da fragte mich mein Gegenueber: „Und diese besseren Menschen….wo wohnen die nun?“

Vielleicht war es meine ueberschwingliche Erzaehlung oder auch der Bezug uf Niemeyer, der sein Menschenbild an jeder nur erdenklichen Ecke des Plano Piloto hinterlassen hat, die den eindruck erweckt haben, der Form wuerde auch ein neuer Inhalt folgen.

Bessere Menschen? Ich frage mich was damit gemeint war. Doch wahrhaftig kann man den Eindruck gewinnen, diese Stadt, ihre Form, ihre Idee, benoetigt den Menschen in einer Form, und ich sage bewusst Form, derer er (noch) nicht entspricht. Diese Stadt benoetigt uns nicht um zu ueberleben. Sie benoetogt uns um uns zu schaffen, uns in Szene zu setzten. Wahrhaftig geschieht nichts, wenn ich in diesem dunklen Moment der nacht auf der hellbeleuchteten Mittelachse des Flugzeuges stehe. Um mich herum ordnen sich die Ministerien, in Hoehe der Tragflaechen, etwas weiter in Richtung Cockpit. Ich stehe und betrachte, gehe dabei aber unter, wie all die anderen, die hier gerade nicht sind. Warum….weil sie nicht gebraucht werden…..

Tagebucheintrag 03.Oktober 2010.

Diese Stadt ist volkommen abgehoben von allem, was ich jemals als Stadt bezeichnet oder verstanden habe. Jegliche Referenzpunkte nach denen ich die Stadt bis dato charakterisiert haette, sind von Oscar und Lucio durcheinandergebracht worden. Gestern meinte jemand zu mir, diese Stadt wuerde Sinn machen, wenn ich den Stadtplan studieren wuerde. Bis jetzt ist die Stadt die ganze Zeit dabei, an mir vorbeizurasen. Alles ist im Fluss. Ich sehe ein Meer aus Scheinwerferlichtern, und Strassen, die wie langgezogene Linien eines sich immer weiter in die Ferne erstreckenden, sich ausdehnenden Kosmos verlaengern. Keine Ampeln. Ich bemerke nach einigen Kilometern, dass es keine Ampeln gibt. Alles zieht sich an mir vorbei, fliesst, stroemt….kein Stau, kein Ruhemoment.

Die Stadt, besser gesagt, das Zentrum und das Regierungsviertel, haben die Form eines Flugzeugrumpfes, mit den Zentren der Macht im Cockpit. Langsam loest sich meine Wahrnemung auf und ich steige in Gedanken ueber der Stadt empor um sie von oben zu betrachten. Die Haeuserbloecke, in Form von Superquadras liegen auf den Tragflaechen, getrennt die Bloecke mit ungeraden und geraden Nummer, angeordnet entsprechend ihrer Entfernung zum Flugzeugrumpf. Stosse ich eigentlich schon an den Mond?“

„Wo wohnst du?“ frage ich vorsichtig meine Gespraechspartnerin am ersten Tag in Brasília. Ich erahne bereits, dass ich eine Antwort bekomme, die ich nicht verstehe. Ich bin zwar neu, die Unkenntnis wird somit zur Grundbedingung des Fragens, aber dass die kommende Antwort dennoch meinen Horizont uebersteigt hat einen besonderen Grund:  Sie sagt: „ich wohne  407 Nord, Block H, Apartement 307“. Fertig- das war´s. Keine anderer Referenzpunkt ist noetig. Kein Viertel, kein Kiez, kein Referenzpunkt, keine Geschichte. Diese Adresse ist entweder so leicht zu finden, dass es keinerlei weiteren Erklaerung bedarf oder ich soll dort nie ankommen.

407 Nord, Block H, Apt. 307. Kein Name, keine Klingel, keine Verkehrsanbindung. Ich warte auf die Angabe einer nahen Metro oder Busstation. Nichts.

407 Nord. Mehr gibt es nicht zu sagen. Die Adresse ist inhaltsleer – wenn das System akzeptiert wird, nachdem dem Zeichen keine weitere Bedeutung ausser der eigenen innewohnt. 407 Nord, ganz schlicht und konkret, steht weder fuer die Herkunft der Person, wie die Zugehoerigkeit zu einem besonders mondaenen Viertel, noch fuer ihre Gegenwart. 407 Nord, mehr nicht.

Alles klar?

Lucio Costa in “Razões da noca arcitectura”(1934):

Os estilos da nova arcitectura se formam e apuram à custa da repetição de algumas formas que lhe são peculiares durante alguns anos que perdura enquanto se mantêm as razões profundas que lhe deram origem…

“Die Stile der neuen Architektur haben den Preis der konstanten Wiederholung ihrer Ihr immanenten Formensprache. Diese Wiederholung wird einige Jahre so fortgefuehrt, denn nur dadurch werden die tiefen Gruende, die ihr zugrunde Liegen manifest.”

Ich moechte sie bitten, Liebe Gaeste, mir fuer einen kurzen Moment zu folgen. Schliessen sie die Augen und stellen sie sich folgendes vor:

Entlang der Fluegel des Flugzeuges ziehen sich in Richtungen der beiden Spitzen der Tragflaechen die grossen Mittelachsen – 80 kmh, Passieren nur unterirdisch. – Eixo (Achse) genannt Eixão (Riesenachse). Flankiert werden diese Achsen von den kleineren Eixos (Achsen) Eixinhos (kleine Achsen) genannt – 60 kmh passieren ueberirdisch zumindest halzbrecherisch!

Die Fluegel als ganze entsprechen den Himmelsrichtungen, ASA NORTE Nordfluegel und ASA SUL Suedfluegel. Westlich der Mittelachsen steigen die Suerquadras nach ungeradem alternierendem Rhytmus auf: 100, 300, 500, 700, 900. Getrennt werden die Superquadras entlang der Achsenrichtugn durch die Alleen W1 und W3. Parallel des Rumpfes durch die Entrequadras oder Comercios genannt. Das gleiche in Richtung Osten, nur dieses mal gerade Nummern. 200, 400, 600, 800. Parallel zu den Riesenachsen verlaufen hier wiederum die Allen mit der Bezeichung L2 und L4. Auch diese Superquadras sind parallel zum Rumpf duch die Comercios getrennt, die beide Quadra Bezeichungen beinhalten, entsprechend ihrer Position auf dem Koordinatensystem. Das ganze gespiegelt auf der anderen Tragflaeche genauso.

Verstanden?

So ging es auch mir. Die erste Stadt, die es erfodert X und Y Achsen zu studieren um Adressen ausfindig zu machen.

Das Schema einer Planstadt, eines Entwurfes  der Antiindividualistischen Uniformitaet und Standartisierung der Moderne. Wir befinden uns im Kopfe grosser Denker. Jemand, der die Freiheit und das Vertrauen besitzt, eine Welt zu schaffen, in der ein neuer Mensch zu werden möglich scheint, ist entweder vollkommen verrueckt oder aber ein ueber alles und allen stehendes Monument. Als Brasília am 21.04. feierlich eröffnet wurde, spiegelten sich die fast unfertigen ersten Gebäude des Plano Piloto noch im Staub der Hochebene von Goias. Die Katedrale wirkte noch wie ein überdimensioniertes Zirkuszelt, das den letzten Feuerreigen nicht überstanden hatte.

Heute befinden wir uns in einer Anordnungeiner Stadt, die Brasília wie wenige andere charakterisiert, ohne dabei den Kategorien der Stereotype Brasiliens entsprechen zu können. Vielleicht ist das ein Element, was die beiden Städte Brasília und Berlin, Partnerstaedte,  im Imaginären des Alltäglichen verbinden. War nicht auch schon Roberto Burle Marx in Berlin unterwegs? Seine gesetzten Schwünge und verpflanzten Visonen eines Aufbrechens von Landschaft und Architektur sind ein stetiges Merkmal dieses Gebildes, was heute zum wichtigen Zentrum des Landes, Der Region als auch der internationalen Aufmerksamkeit avanciert.

Nochmal Lucio Costa:

É nessa uniformidad que se esconde (…) a sua grande força e beleza: têm entre se certo ar de parentesco, de familia (…) é sintoma inequivoco de vitalidade e vigor, a maior prova que já não estarmos mais diante de experiências caprichosas e inconistentes (…) porém de um todo orgânico, subordinada a uma disciplina, um ritmo- diante um verdadeiro estilo(…)

“In jener Uniformitaet verbirgt sich ihre grosse Kraft und Schoenheit. Sie beinhaltet eine gewisses Flair der familie, ein verwandschaftliches Ambiente. Diese Uniformitaet ist unbestreitbar ein Symptom der Vitalitaet und der Staerke, zweifelsohne der Beweis dafuer, dass wir bereits auf dem Weg sind die inkonsistenten und launischen Erfahrungen der vergangenheit hinter uns zu lassen. Daher stehen wir vor einem organischen, rhythmischen ja eigenen Stil, der siche einer ganzen Disziplin unterordnet.”

Brasília als Konstrukt ist damit nicht weniger konkret, als die Pfanne als ein Schlag auf den Kopf im Streite zweier Personen.

Die Anordnung der Formen, die einer mathematisch exakten Logik zu folgen scheint, wird aber auch hinterfragt. Sozusagen von denen, die dort eben in Szene gesetzt werden. Neokonkrete Kunst im Spiegel der Zeit, nach 50 Jahren Moderne im Herzen des Landes. Mit ihren Momenten des Ablebens, des Vergehens und des Widerstandes gegen das Altern sind jedoch heute Themen die mich beschaeftigen.

Ich studiere den Plan, und finde dennoch neue Wege, kleine Pfade, die den roten Sand aufwuehlen, die sich wie Pfade des Widerstandes mal frech parallel, mal diagonal den Hauptachsen entlangziehen. Gewissermassen ist auch die Leere der Nacht ein stiller Protest gegen das In Szene gesetzt werden. Eine Einstellung, die die Idee einer alles ueberlagernden Form in Frage stellt. Lange Zeit, so sagte mir mal ein Gespraechspartner, seien die Abgeordneten, Funktionaere und Buerokraten der Planstadt jedes Wochenende in ihre Heimatstaedte geflogen, weil sie Brasilia nicht ausgehalten haben. Es gibt immer wieder auch Aufbegehren gegen diese neue, andere, die Stereotype verweigernde Asthetik. “Brasiliens Meer ist sein Himmel”, hoere ich ab und an.

Heutzutage haben sich die Zweite und dritte Generation daran gewoehnt, die Stadt zu benutzen, sie zu formen und zu veraendern. Es gibt Gegenden, in denen die hoeheren Einkommenschichten wohnen, ausgelagerte Satellitenstaedte, ausgelagerte Favelas. Die Idee der Form als Grundstruktur eines neuen Menschen ist in sich nicht mehr haltbar. Brasília ist dafuer lebendiger Beweis. Zum Glueck, wie ich meine…..

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Oscar im Hansaviertel

September 17, 2010

For whom Brasília is too far away we suggest a nice walk in Berlin’s Hansaviertel, which was almost completely destroyed during World War II and afterwards reconstructed based on modern emphasis. Its residential houses and parks, which were finished for the Interbau 1957 – an international building exhibition – it invites us to follow that times idea of modernity. At Altonaer Straße 4 -14 I discovered plenty of geranium – a very typical german plant for balconies, closed sunshades and Niemeyer architecture. Delighful and strange at the same time.

Some dwellers were taking the elevator that is seperated from the mainbuilding in a tower that is only connected to it by two tunnels on the 5th and the 7th floor. For the 5th floor Oscar designed a common room for the whole house. Although I couldn’t check everything from the inside I found a nice blueprint on the internet. The 12 apartments (every number 4, 6, 8, 10, 12 and 14 with 2 apartments) seem quiet simple and I wonder if they can be compared to Brasílias residential houses in any way that must have been planned and constructed shortly after.

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Wem der Weg nach Brasília zu weit ist, dem empfehlen wir einen Spaziergang durch Berlins Hansaviertel, das nach der fast vollständigen Zerstörung im 2. Weltkrieg nach modernsten Gesichtspunkten wieder aufgebaut wurde. Mit seinen Wohnhäusern und Grünanlagen, die anlässlich der Bauausstellung Interbau 1957 fertig gestellt und eröffnet wurden, läd es ein der Idee der Moderne dieser Zeit nachzugehen. In der Altonaer Straße 4-14 entdeckte ich schöne deutsche Balkongeranien und eingeklappte Sonnenschirme an Niemeyerscher Architektur. Entzückend und irgendwie merkwürdig.

Ein paar Bewohner waren unterwegs und fuhren überwiegend mit dem Fahrstuhl, der als Extraturm neben dem Gebäude steht und mit zwei Tunneln an das Hauptgebäude angeschlossen ist, entweder in die 5. oder 7. Etage – in der 5. Etage sollte sich nach Oscars Plänen (Oschkaaar) ein großer Gemeinschaftsraum befinden. Da ich mir das ganze nicht von innen anschauen konnte, freute ich mich jedoch über einen Grundriss, den ich im Internet fand. Die zwölf abgebildeten Wohnungen (jeweils zwei Wohnungen pro Hausnummer 4, 6, 8, 10, 12, und 14) – wirken schlicht und ich wüsste gern, inwiefern sie vergleichbar sind mit den Wohnhäusern Brasílias, die unmittelbar danach entstanden sein müssen.

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By/Von Julia Ziesche