Impressionen aus Brasília

October 28, 2010

Impressionen aus Brasília

Es ist 02:00 morgens und ich stehe in der Mitte eines Flugzeugs. Endstation Menschheit, ein Ort, der eher mich platziert, als dass ich ihn frequentiere. Es sieht aus wie auf dem Mond, nachdem die Erde unbewohnbar geworden ist, bleibt uns die Erinnerung an sie in Form der Reste menschlichen Denkens. Auf seiner eloquentesten Stufe..

Was heißt es wenn der Mensch in Szene gesetzt wird? Wenn die Formen um mich herum vorgeben, wie und unter welchen Bedingungen meine Wahrnehmung funktioniert.

Ich will versuchen Ihnen von hier aus einen Eindruck zu geben.

Ich schreibe ihnen aus einer Vergangenheit, die dennoch in der Zukunft zu liegen scheint. Brasília, Hauptstadt eines Traumes. Der Traum vom besseren Menschen. Als ich neulich von Brasília erzaehlte, davon wie begeistert ich von dieser schlicht unvorstellbaren Nichtigkeit der eigenen Existenz sei, davon wie sehr sich die Idee der Stadt als Form fuer das Verstehen beginnt bei mir in Fleisch und Blut ueberzugehen, da fragte mich mein Gegenueber: „Und diese besseren Menschen….wo wohnen die nun?“

Vielleicht war es meine ueberschwingliche Erzaehlung oder auch der Bezug uf Niemeyer, der sein Menschenbild an jeder nur erdenklichen Ecke des Plano Piloto hinterlassen hat, die den eindruck erweckt haben, der Form wuerde auch ein neuer Inhalt folgen.

Bessere Menschen? Ich frage mich was damit gemeint war. Doch wahrhaftig kann man den Eindruck gewinnen, diese Stadt, ihre Form, ihre Idee, benoetigt den Menschen in einer Form, und ich sage bewusst Form, derer er (noch) nicht entspricht. Diese Stadt benoetigt uns nicht um zu ueberleben. Sie benoetogt uns um uns zu schaffen, uns in Szene zu setzten. Wahrhaftig geschieht nichts, wenn ich in diesem dunklen Moment der nacht auf der hellbeleuchteten Mittelachse des Flugzeuges stehe. Um mich herum ordnen sich die Ministerien, in Hoehe der Tragflaechen, etwas weiter in Richtung Cockpit. Ich stehe und betrachte, gehe dabei aber unter, wie all die anderen, die hier gerade nicht sind. Warum….weil sie nicht gebraucht werden…..

Tagebucheintrag 03.Oktober 2010.

Diese Stadt ist volkommen abgehoben von allem, was ich jemals als Stadt bezeichnet oder verstanden habe. Jegliche Referenzpunkte nach denen ich die Stadt bis dato charakterisiert haette, sind von Oscar und Lucio durcheinandergebracht worden. Gestern meinte jemand zu mir, diese Stadt wuerde Sinn machen, wenn ich den Stadtplan studieren wuerde. Bis jetzt ist die Stadt die ganze Zeit dabei, an mir vorbeizurasen. Alles ist im Fluss. Ich sehe ein Meer aus Scheinwerferlichtern, und Strassen, die wie langgezogene Linien eines sich immer weiter in die Ferne erstreckenden, sich ausdehnenden Kosmos verlaengern. Keine Ampeln. Ich bemerke nach einigen Kilometern, dass es keine Ampeln gibt. Alles zieht sich an mir vorbei, fliesst, stroemt….kein Stau, kein Ruhemoment.

Die Stadt, besser gesagt, das Zentrum und das Regierungsviertel, haben die Form eines Flugzeugrumpfes, mit den Zentren der Macht im Cockpit. Langsam loest sich meine Wahrnemung auf und ich steige in Gedanken ueber der Stadt empor um sie von oben zu betrachten. Die Haeuserbloecke, in Form von Superquadras liegen auf den Tragflaechen, getrennt die Bloecke mit ungeraden und geraden Nummer, angeordnet entsprechend ihrer Entfernung zum Flugzeugrumpf. Stosse ich eigentlich schon an den Mond?“

„Wo wohnst du?“ frage ich vorsichtig meine Gespraechspartnerin am ersten Tag in Brasília. Ich erahne bereits, dass ich eine Antwort bekomme, die ich nicht verstehe. Ich bin zwar neu, die Unkenntnis wird somit zur Grundbedingung des Fragens, aber dass die kommende Antwort dennoch meinen Horizont uebersteigt hat einen besonderen Grund:  Sie sagt: „ich wohne  407 Nord, Block H, Apartement 307“. Fertig- das war´s. Keine anderer Referenzpunkt ist noetig. Kein Viertel, kein Kiez, kein Referenzpunkt, keine Geschichte. Diese Adresse ist entweder so leicht zu finden, dass es keinerlei weiteren Erklaerung bedarf oder ich soll dort nie ankommen.

407 Nord, Block H, Apt. 307. Kein Name, keine Klingel, keine Verkehrsanbindung. Ich warte auf die Angabe einer nahen Metro oder Busstation. Nichts.

407 Nord. Mehr gibt es nicht zu sagen. Die Adresse ist inhaltsleer – wenn das System akzeptiert wird, nachdem dem Zeichen keine weitere Bedeutung ausser der eigenen innewohnt. 407 Nord, ganz schlicht und konkret, steht weder fuer die Herkunft der Person, wie die Zugehoerigkeit zu einem besonders mondaenen Viertel, noch fuer ihre Gegenwart. 407 Nord, mehr nicht.

Alles klar?

Lucio Costa in “Razões da noca arcitectura”(1934):

Os estilos da nova arcitectura se formam e apuram à custa da repetição de algumas formas que lhe são peculiares durante alguns anos que perdura enquanto se mantêm as razões profundas que lhe deram origem…

“Die Stile der neuen Architektur haben den Preis der konstanten Wiederholung ihrer Ihr immanenten Formensprache. Diese Wiederholung wird einige Jahre so fortgefuehrt, denn nur dadurch werden die tiefen Gruende, die ihr zugrunde Liegen manifest.”

Ich moechte sie bitten, Liebe Gaeste, mir fuer einen kurzen Moment zu folgen. Schliessen sie die Augen und stellen sie sich folgendes vor:

Entlang der Fluegel des Flugzeuges ziehen sich in Richtungen der beiden Spitzen der Tragflaechen die grossen Mittelachsen – 80 kmh, Passieren nur unterirdisch. – Eixo (Achse) genannt Eixão (Riesenachse). Flankiert werden diese Achsen von den kleineren Eixos (Achsen) Eixinhos (kleine Achsen) genannt – 60 kmh passieren ueberirdisch zumindest halzbrecherisch!

Die Fluegel als ganze entsprechen den Himmelsrichtungen, ASA NORTE Nordfluegel und ASA SUL Suedfluegel. Westlich der Mittelachsen steigen die Suerquadras nach ungeradem alternierendem Rhytmus auf: 100, 300, 500, 700, 900. Getrennt werden die Superquadras entlang der Achsenrichtugn durch die Alleen W1 und W3. Parallel des Rumpfes durch die Entrequadras oder Comercios genannt. Das gleiche in Richtung Osten, nur dieses mal gerade Nummern. 200, 400, 600, 800. Parallel zu den Riesenachsen verlaufen hier wiederum die Allen mit der Bezeichung L2 und L4. Auch diese Superquadras sind parallel zum Rumpf duch die Comercios getrennt, die beide Quadra Bezeichungen beinhalten, entsprechend ihrer Position auf dem Koordinatensystem. Das ganze gespiegelt auf der anderen Tragflaeche genauso.

Verstanden?

So ging es auch mir. Die erste Stadt, die es erfodert X und Y Achsen zu studieren um Adressen ausfindig zu machen.

Das Schema einer Planstadt, eines Entwurfes  der Antiindividualistischen Uniformitaet und Standartisierung der Moderne. Wir befinden uns im Kopfe grosser Denker. Jemand, der die Freiheit und das Vertrauen besitzt, eine Welt zu schaffen, in der ein neuer Mensch zu werden möglich scheint, ist entweder vollkommen verrueckt oder aber ein ueber alles und allen stehendes Monument. Als Brasília am 21.04. feierlich eröffnet wurde, spiegelten sich die fast unfertigen ersten Gebäude des Plano Piloto noch im Staub der Hochebene von Goias. Die Katedrale wirkte noch wie ein überdimensioniertes Zirkuszelt, das den letzten Feuerreigen nicht überstanden hatte.

Heute befinden wir uns in einer Anordnungeiner Stadt, die Brasília wie wenige andere charakterisiert, ohne dabei den Kategorien der Stereotype Brasiliens entsprechen zu können. Vielleicht ist das ein Element, was die beiden Städte Brasília und Berlin, Partnerstaedte,  im Imaginären des Alltäglichen verbinden. War nicht auch schon Roberto Burle Marx in Berlin unterwegs? Seine gesetzten Schwünge und verpflanzten Visonen eines Aufbrechens von Landschaft und Architektur sind ein stetiges Merkmal dieses Gebildes, was heute zum wichtigen Zentrum des Landes, Der Region als auch der internationalen Aufmerksamkeit avanciert.

Nochmal Lucio Costa:

É nessa uniformidad que se esconde (…) a sua grande força e beleza: têm entre se certo ar de parentesco, de familia (…) é sintoma inequivoco de vitalidade e vigor, a maior prova que já não estarmos mais diante de experiências caprichosas e inconistentes (…) porém de um todo orgânico, subordinada a uma disciplina, um ritmo- diante um verdadeiro estilo(…)

“In jener Uniformitaet verbirgt sich ihre grosse Kraft und Schoenheit. Sie beinhaltet eine gewisses Flair der familie, ein verwandschaftliches Ambiente. Diese Uniformitaet ist unbestreitbar ein Symptom der Vitalitaet und der Staerke, zweifelsohne der Beweis dafuer, dass wir bereits auf dem Weg sind die inkonsistenten und launischen Erfahrungen der vergangenheit hinter uns zu lassen. Daher stehen wir vor einem organischen, rhythmischen ja eigenen Stil, der siche einer ganzen Disziplin unterordnet.”

Brasília als Konstrukt ist damit nicht weniger konkret, als die Pfanne als ein Schlag auf den Kopf im Streite zweier Personen.

Die Anordnung der Formen, die einer mathematisch exakten Logik zu folgen scheint, wird aber auch hinterfragt. Sozusagen von denen, die dort eben in Szene gesetzt werden. Neokonkrete Kunst im Spiegel der Zeit, nach 50 Jahren Moderne im Herzen des Landes. Mit ihren Momenten des Ablebens, des Vergehens und des Widerstandes gegen das Altern sind jedoch heute Themen die mich beschaeftigen.

Ich studiere den Plan, und finde dennoch neue Wege, kleine Pfade, die den roten Sand aufwuehlen, die sich wie Pfade des Widerstandes mal frech parallel, mal diagonal den Hauptachsen entlangziehen. Gewissermassen ist auch die Leere der Nacht ein stiller Protest gegen das In Szene gesetzt werden. Eine Einstellung, die die Idee einer alles ueberlagernden Form in Frage stellt. Lange Zeit, so sagte mir mal ein Gespraechspartner, seien die Abgeordneten, Funktionaere und Buerokraten der Planstadt jedes Wochenende in ihre Heimatstaedte geflogen, weil sie Brasilia nicht ausgehalten haben. Es gibt immer wieder auch Aufbegehren gegen diese neue, andere, die Stereotype verweigernde Asthetik. “Brasiliens Meer ist sein Himmel”, hoere ich ab und an.

Heutzutage haben sich die Zweite und dritte Generation daran gewoehnt, die Stadt zu benutzen, sie zu formen und zu veraendern. Es gibt Gegenden, in denen die hoeheren Einkommenschichten wohnen, ausgelagerte Satellitenstaedte, ausgelagerte Favelas. Die Idee der Form als Grundstruktur eines neuen Menschen ist in sich nicht mehr haltbar. Brasília ist dafuer lebendiger Beweis. Zum Glueck, wie ich meine…..

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Wenn ich mir ein Kunstwerk der Ausstellung mit nach Hause nehmen könnte, dann würde ich…

… Gullars “Não” aussuchen. Das würde ich gern mal anfassen um es auf und zu zu klappen wie es eigentlich vorgesehen ist/ Julia Ziesche

… Ich hätte gern ein “Meta-esquema” von Oiticica und das “Buch der Architektur” von Ligia Pape/ Teresa Bueno

… Ich nehme die Lichtinstallation von Palatnik aus den 1950igern mit in mein Hause. Die Mischung aus Mechanik, Licht, Farben, Bewegung, Holz, Milchglas und Möbel hat mir gefallen.
Genauso wie der Rundgang durch die Ausstellung, die wirklich inspirierend und neu für mich war. Der Weg zur Kunsthochschule in einem bunten Herbst hat bei mir – ich wohne im EG Hinterhaus – für gute Stimmung gesorgt. Auch wenn der schwarze Schatten von Presidente Kirchners Herzinfarkt einen Tag zuvor einem dunklen Schleier gleich noch immer über dem politischen Gemüt einiger Visitanten lag.
Da blitzten mir Goethes Abschiedworte an die irdische Welt in den Kopf: »Licht, Licht«. (Stimmt das niederträchtige Gerücht, seine aufregende Schöhnheits-OP-Präsidenten-Gattin habe ihn im hoheitlichen Ege-Bette zu Tode geliebt, um des Mitkonkurrenten entledigt direkt wieder für die Casa Rosada kandidieren zu können?) Was war wohl Kirchners letzter Ausruf? Oder war es eher ein Schrei?
Ich denke jedenfalls, dass mich die Lichtinstallation in meinem Wohnzimmer zur verdienten Ruhe kommen lassen wird. Ruhet in Frieden! /Ben Beutler

Vorträge im Oktober

October 1, 2010

Der Herbst, der Herbst, beschert uns folgende Veranstaltungen zu denen Sie herzlich eingeladen sind:

*Concretismo und Neoconcretismo – poetischer Raum in Bewegung

Donnerstag 21.10.2010, 19:00 Uhr

Ort: Forschungszentrum Brasilien im Lateinamerika Institut, Freie Universität Berlin Rüdesheimer Str. 54-56, 14197 – Berlin

Vortrag von Prof. Dr. Lígia Chiappini und Teresa Bueno

Das Bild fängt an, wenn der Betrachter kommt“

In den 50er Jahren gründet eine Gruppe von Künstlern und Dichtern den brasilianischen „Concretismo“. Sie sind inspiriert von Bildern von Mondrian und Malevitch, Skulpturen von Max Bill, der Architektur von Le Corbusier und Oscar Niemeyer, den Gedichten von Ezra Pound und James Joyce sowie der elektronischen Musik von Anton Webern.

Auch in Brasilien theoretisieren Maler und Dichter über die Funktion von Raum und Zeit in der Malerei und Poesie. Die „Concretos“ aus São Paulo kommen zu dem Schluss, dass ihre Dichtung „verbivocovisual“ sein solle. Es wird mit Wörtern und Bildern experimentiert. Diese sind nicht mehr an Seiten und Leinwände gebunden. Die Raumkompositionen ersetzen die Verse in den Gedichten, die Bilder springen aus den Wänden. Die Klänge werden zu Musik, manchmal sogar zu Schallplatten.

Einige Dichter treiben dieses Spiel so weit, dass die Wörter ganz verschwinden. Die Grenzen zwischen einer Kunst des Raumes und einer Kunst der Zeit, wie Lessing sie aufgestellt hat, werden aufgebrochen. Die so entstandene Poesie ohne Wörter führt zu einer großen Polemik.

Und damit noch nicht genug. Leser und Betrachter werden zur aktiven Teilnahme eingeladen. Alle Sinne werden von Formen, Farben und Klängen erweckt. Poesie und Kunst werden zur (neo)konkreten Performance.

Die Suche nach einem poetischen Raum in Bewegung scheint alle zu infizieren. Linien und Formen bleiben nicht mehr im Bild stehen, sondern sie vibrieren, sie füllen die Leinwände, die Räume, die Stadt. Die Hauptstadt Brasiliens wird verschoben. Die nach dem Modell eines Flugzeuges angelegte neue Hauptstadt Brasília wird im Zentrum des Landes der Zukunft als Symbol von Integration und Entwicklung gebaut.

*Brasilia: Horizonte der urbanen Zukunft bei Max Bense und Vilém Flusser – Anschließend Gespräch mit Peter Zlonicky

Freitag 29.10.2010, 19:00 Uhr

Ort: Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 – Berlin

Vortrag von Prof. Dr. Susanne Klengel

Im Jahrzehnt nach der Einweihung Brasilias, der neuen Hauptstadt (1960), konnte man in Deutschland hin und wieder faszinierte, aber auch ambivalente Reportagen und Berichte über das gewaltige urbanistische Projekt der lateinamerikanischen Moderne lesen. In meinem Vortrag sollen Brasilia-Beschreibungen aus der Feder des Stuttgarter Philosophen, Semiotikers und Schriftstellers Max Bense und des seit 1940 in Brasilien beheimateten, aus Prag stammenden jüdischen Intellektuellen Vilém Flusser verglichen werden. Beide sehen in Brasilia ein urbanes Projekt, das auf die “Stadt der Zukunft” verweist: für Bense ein Produkt der “brasilianischen Intelligenz”, ein System, konsequentes Gesamtdesign und visuelles Ereignis, für Flusser dagegen ein maßloser “Apparat”, eine Maschine, die den Typus des “Funktionärs” hervorbringt und begünstigt. Für beide Autoren ist die alte Hauptstadt Rio de Janeiro ein melancholischer Fluchtpunkt des Vergangenen. Doch Benses Blick ist, wie sein Text selbst, eher auf die konstruktivistische Dimension Brasilias gerichtet, der er durchaus etwas abgewinnt. Flusser dagegen sieht Brasilia mit ambivalentem Gefühl als Wiege des “neuen Menschen”, den er im vermeintlich „geschichtslosen Raum“ Brasiliens ansiedelt.